Rhetorik-Zeitreise (7): Aristoteles‘ Rhetorik-Theorie

Erfahren Sie mehr über das erste Rhetorik-Lehrbuch der Geschichte. Die „Rhetorik“ des Aristoteles ist das Ergebnis einer lebenslangen Beschäftigung mit der Kunst der Rede. Bis heute gilt es als die geschlossenste Theorie der Rhetorik. Wie aus einem Guss geschrieben, gehört es zu den vollkommensten Werken des Aristoteles.

Rhetorik als Konkurrenzunternehmen

„Schlimm wär’s zu schweigen, wenn Isokrates parliert.“1

Büste von Aristoteles. Marmor. Römische Kopie nach dem griechischen Bronze-Original von Lysippos, um 330 vor Chr. Der Alabaster-Mantel ist eine Ergänzung in der Moderne.

Römische Kopie einer Marmor-Büste des Aristoteles. Das griechischen Bronze-Original von Lysippos stammt aus dem Jahr 330 vor Chr. Der Alabaster-Mantel ist eine Ergänzung in der Moderne. (Bildquelle: Wikimedia Commons)

Mit diesem ironischen Ausspruch rechtfertigt Aristoteles seinen eigenen Rhetorik-Unterricht, den er in jungen Jahren an Platons Akademie beginnt. Er reagiert damit auf den Erfolg des Isokrates, der eine große Zahl von Schülern um sich scharte. Platons und Isokrates Schule standen zueinander in Konkurrenz.

Aristoteles knüpft an Platons Konzept einer philosophischen Rhetorik an, bindet aber auch sophistische Elemente in seine Theorie der Beredsamkeit mit ein. Seine „Rhetorik“ ist eine umfassende Lehrschrift. Heute könnte man sie mit einem Vorlesungsskript vergleichen; sie entstand für den praktischen Rhetorikunterricht.

Aristoteles konzipiert die Rhetorik als theoretische Disziplin. Damit setzt er sich klar von den Sophisten ab, die Rhetorik lediglich als téchne verstehen. Darunter verstanden sie die Fähigkeit, die Macht der Rede möglichst effektiv einzusetzen.

Eine bestechend klare Darstellung

Gustav Adolph Spangenberg, Die Schule des Aristoteles, Fresko 1883–1888

Die Schule des Aristoteles. Das Fresko von Gustav Adolph Spangenberg entstand zwischen 1883 und 1888. (Wikimedia Commons)

Die „Rhetorik“ des Aristoteles beginnt mit den Worten:

„Die Theorie der Beredsamkeit ist das korrespondierende Gegenstück zur Dialektik; denn beide beschäftigen sich mit Gegenständen solcher Art, deren Erkenntnis auf eine gewisse Weise allen und nicht einer speziellen Wissenschaft gemeinsam ist.“2

Aristoteles verortet die Rhetorik im Wissenschaftsystem der Antike und grenzt sie von den zahlreichen Spezialwissenschaften (z.B. Politik, Ökonomie, Geometrie) ab. Er stellt die Rhetorik auf eine Stufe mit der Dialektik, deren Aufgabe es ist, allgemeine Sätze und Argumente zu prüfen. Diese werden dann entweder gestützt oder verworfen. Nun könne aber dieses Prüfen der Argumente – laut Aristoteles – entweder planlos geschehen oder auf einer gewissen geistigen Konstitution beruhen. Deshalb ist die Rhetorik bei Aristoteles die Disziplin, die untersucht

„… weshalb die einen Erfolg erzielen aufgrund der Gewohnheit, die anderen durch Zufall; alle möchten aber wohl zugeben, daß etwas Derartiges bereits Aufgabe einer Theorie ist.“3

Die Technik, mit der Sie Menschen überzeugen

Aristoteles nimmt die Defizite der Rhetorik-Lehre seiner Zeit in den Blick:

„Sie sprechen nämlich nicht von den Enthymemen (den rhetorischen Schlussverfahren), worin doch gerade die Grundlage der Überzeugung besteht“.4

Platon-aristoteles

Platon im Disput mit Aristoteles (rechts). Ausschnitt aus dem Raffael-Fresko „Die Schule von Athen“ aus dem Jahr 1511. Aristoteles lehrt zunächst an Platons Akademie Rhetorik. Sein wissenschaftliches Werk „Rhetorik“ ist das Ergebnis einer lebenslangen Beschäftigung mit der Redekunst.

Enthymem – was ist damit gemeint? Aristoteles meint damit eine Sonderform des sogenannten vollständigen Syllogismus.

Ein vollständiger Syllogismus ist eine Folge von drei Sätzen, die so aufgebaut sind, dass aus zwei Sätzen ein Schluss folgt. Dabei wird immer von wahren Sätzen ausgegangen; demensprechend ist der Schlusssatz auch immer wahr.

Ein Beispiel für einen vollständigen Syllogismus lautet:

  1. Alle Menschen sind sterblich.
  2. Sokrates ist ein Mensch.
  3. Sokrates ist sterblich

Das Enthymem ist bei Aristoteles aber ein unvollständiger Syllogismus. Denn in der rhetorischen Argumentation ist es oft geboten, den mittleren Satz, der allgemeine Feststellungen enthält, auszulassen.

Das Enthymem hat außerdem die Eigenheit, dass neben wahren auch wahrscheinliche Sätze verwendet werden können. Daraus werden dann wahrscheinliche Schlussfolgerungen abgleitet. Diese sollen Glauben wecken, können aber letztlich nicht bewiesen werden.

Ein Beispiel für ein Enthymem oder einen unvollständigen rhetorischen Syllogismus könnte lauten:

  1. Glyphosat ist krebserregend.
  2. [Krebserregende Mittel sollten verboten werden.]
  3. Deshalb sollte Glyphosat  verboten werden.

Den zweiten Satz wird ein kluger Redner weglassen, da die Aussage „Krebserregende Mittel sollten verboten werden.“ allgemein konsensfähig ist.

Für Aristoteles ist das Enthymem die Leitstruktur der rhetorischen Argumentation schlechthin. Denn das Entymem geht von der Tatsache aus, dass allgemeine Aussagen auch geglaubt werden, selbst wenn sie nicht vollumfänglich wissenschaftlich bewiesen sind.

Die Kraft der Beispiele

Aristoteles ist auch der erste, der sich mit der Bedeutung von Emotionen und Affekten für die Rhetorik befasst. Neben dem Enthymem thematisiert er deshalb die Kraft, die Einzelbeispiele in einer rhetorischen Argumentation entfalten können. Selten kann der Redner ein Thema umfassend darstellen; oftmals fehlt dazu schlicht die Zeit. Ein Zwangsumstand des Redens, der uns auf unserer Rhetorik-Zeitreise auch schon in Platons Dialog „Theaitetos“ begegnet ist. Der gute Redner verwendet Beispiele, um seine Thesen zu veranschaulichen.

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Büste des griechischen Logographen Lysias. Lysias verfasste unter anderem eine Verteidigungsrede für Sokrates, die dieser aber ablehnte. In der Antike war es üblich, dass ein Redenschreiber einem Angeklagten eine Verteidigungsrede schrieb. (Bildquelle: Wikimedia Commons)

Manipulation durch Emotion

Aristoteles hat hier vor allem die Gerichtssituation der Antike vor Augen. Damals gab es keine Berufsrichter und Rechtsanwälte. Das Urteil wurde meist von einem Laienrichter gesprochen; der Angeklagte musste sich selbst mit einer Rede vor Gericht verteidigen. Wenn er dazu nicht in der Lage war, wurde mit dem Schreiben der Rede ein sogenannter Logograph beauftragt, ein Redenschreiber. Die geschriebene Rede wurde dann auswendig gelernt und vor Gericht vorgetragen.

Aristoteles hat diese Umstände vor Augen, wenn er schreibt, gute Gesetze müssten unsachliche Rhetorik verhindern. Denn Laienrichter sind leicht im entscheidenen Moment durch Affekte zu beeinflussen. Gesetze hingegen sind das Ergebnis einer langen Überlegung:

„Das wichtigste von allem aber ist, daß das Urteil des Gesetzgebers nicht auf den Einzelfall, sondern auf das Künftige und Allgemeine zielt, während der Mann in der Versammlung oder der Richter bereits über Gegenwärtiges und Spezielles urteilt.“5

Wo Überzeugung gelingt

Für Aristoteles kommt Überzeugungskraft aus dem Beweis einer Sache. Und die Kernelemente des Beweises sind Enthymen und Beispiel. Er resümiert:

Denn „wir glauben da am meisten, wo wir annehmen, daß etwas bewiesen sei“.6

In der Rhetorik des Aristoteles wird erstmals eine vollständige Theorie der Rhetorik formuliert. Welche vier Gründe Aristoteles nennt, um die Rhetorik als Disziplin zu legitimieren, lesen Sie in der achten Folge der Rhetorik-Zeitreise.


 

  1. Philodem II 50 Sudh.; Cic. de or. 3,141
  2. Aristoteles, Rhetorik, München 1995, S. 7.
  3. Ebd.
  4. Ebd.
  5. Ebd, S.8.
  6. Ebd, S.9.