Der bleibende Wert der Rhetorik – Professor Niehues-Pröbsting im Gespräch (4)

Im vierten und letzten Teil des Interviews zur Rhetorik-Zeitreise spricht Professor Heinrich Niehues-Pröbsting (Erfurt) darüber, wozu der Missbrauch der Rhetorik in totalitären Regimen geführt hat und welche Rolle die Rhetorik für moderne Demokratien spielt.

Das 20. Jahrhundert kann als rhetorisches Jahrhundert im negativen Sinne beschrieben werden. Inwieweit hat der politische manipulative Missbrauch der Rede durch die Nationalsozialisten der Rhetorik als Disziplin geschadet?

Nur wer etwas von Rhetorik versteht, kann Rhetorik durschauen und widersteht der Macht der Manipulation. Rhetorik kann deshalb auch vor Täuschung, Lug, Trug und Schlarlatanerei schützen. (Bildquelle: Pixabay)

Sie war ja als Schuldisziplin schon tot; da konnte kein großer Schaden mehr angerichtet werden. Aber es lohnt, darüber nachzudenken, inwieweit die Abscheu vor totalitärer rhetorischer Praxis – nicht nur im Nationalsozialismus und Faschismus, sondern auch im Kommunismusin bestimmten Kreisen von der unbefangenen theoretischen Beschäftigung mit Rhetorik abgehalten hat, sei es, dass man sich nur mit den negativen Erscheinungsformen totalitärer Rhetorik befasste oder sei es, dass man es mit dem Verdikt darüber beließ, indem man Rhetorik mit ihrem totalitären Gebrauch gleichsetzte. Die Tendenz dazu scheint mir bei den Vertretern der Frankfurter Schule, von Adorno bis Habermas, zu bestehen. Dabei macht man sich zu wenig bewusst, dass Rhetorik – zumindest in dem Konzept des Aristoteles – nicht nur dazu dient, Reden Effektivität zu verschaffen, sondern auch dazu, die rhetorische Verfasstheit von Reden und rhetorischen Situationen zu analysieren. Nichts gibt so sehr ein Mittel gegen die Rhetorik an die Hand wie die Rhetorik selbst. Wer sie in der Paxis durchschauen oder entlarven will, tut gut daran, Rhetorik studieren.

Renaissance der Rhetorik

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erwacht in einer ganzen Reihe von Geistes- und Sozialwissenschaften ein erneutes Interesse an der Rhetorik, so dass man von einer Rhetorik-Renaissance sprechen kann: in der Rechtswissenschaft, der Literaturwissenschaft, der Logik und der Argumentationstheorie, in der Wissenschaftstheorie und der Philosophie – die Liste ist keineswegs vollständig. Um nur zwei prominente Namen aus dem Bereich der deutschsprachigen Philosophie zu nennen: Hans-Georg Gadamer entdeckt die Rhetorik und ihre Tradition für seine Hermeneutik, und Hans Blumenberg schreibt den bahnbrechenden Aufsatz „Anthropologische Annäherung an die Aktualität der Rhetorik“ – das sind Vorreiter für die Renaissance der Rhetorik, wie wir sie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im deutschen Sprachraum erlebt haben.

Die Rhetorik des Aristoteles hält Professor Niehues-Pröbsting für das vollkommenste Werk der Rhetorik-Geschichte. Das Bild zeigt die römische Kopie einer Büste des Aristoteles. (Bildquelle: Wikimedia Commons)

Welches Werk halten Sie für die Rhetorik am bedeutsamsten? 

Aus philosophischer Sicht ganz klar die „Rhetorik“ des Aristoteles. Das ist das theoretisch vollkommenste Werk, das uns am besten in den Stand versetzt, rhetorische Vorgänge zu durchschauen.

Welchen Wert hat die Geschichte der Rhetorik für die Rhetorik heute?

Ich möchte mich bei der Antwort auf die antike Rhetorik beschränken. Neben Aristoteles, dessen unvergleichlichen Wert für das Verständnis rhetorischer Phänomene ich wiederholt herausgestellt habe, wäre zumindest noch Quintilian mit seinem monumentalen Kompendium der Rhetorik zu nennen, das Muster aller späteren Handbücher. Um nur einen Punkt herauszugreifen, in dem beide Werke immer noch lehrreich und in aktuellen Diskussionen präsent sind: die Theorie der Metapher, die in den letzten Jahrzehnten auch in der Philosophie große Aufmerksamkeit erfahren hat – beispielsweise bei Hans Blumenberg, der sie zu einer eigenen Disziplin, der Metaphorologie, ausgebaut hat und die für ihn der Ausgangspunkt für die Wiederentdeckung der Rhetorik war. Für das Verständnis dessen, was die Rhetorik für die Philosophie bedeutet, sind immer noch die platonischen Dialoge am aufschlussreichsten, und zwar nicht nur in den expliziten Ausführungen dazu, sondern besonders auch in der exemplarischen Vorführung von Rhetorik, von misslungener am Beispiel der Sophisten, von gelungener am Beispiel des Sokrates.

„Platon ist unübertroffener Meister sprachlicher Bilder“

Platon (links) im Disput mit Aristoteles. Ausschnitt aus dem Raffael-Fresko „Die Schule von Athen“ aus dem Jahr 1511. Beide haben die Rhetorikgeschichte nachhaltig geprägt und vertraten unterschiedliche Rhetorik-Konzepte. (Bildquelle: Wikimedia Commons)

Immer noch unterschätzt für das Verständnis der platonischen Dialoge wird die Durchdringung von Theorie der Rede und rhetorischer Form, auch die Reflexion auf die Form der Rede in den Dialogen. Notwendig zum Verständnis der platonischen Dialoge ist es, diese Durchdringung zu durchschauen. Wie kein zweiter wusste Platon nicht nur um die Gefahren der Rhetorik, sondern auch um ihre Unvermeidlichkeit und um die Angewiesenheit der Philosophie auf Rhetorik. Diese Angewiesenheit möchte ich nur an einem Beispiel deutlich machen, der Sprache. Sie ist als solche rhetorisch konstituiert. „Die Sprache ist Rhetorik“, hat Nietzsche gesagt. Keine natürliche Sprache ohne Metaphern im weitesten Sinne des Wortes, d.h. ohne bildliche Ausdrücke. Platon ist der unübertroffene Meister sprachlicher Bilder, von schlichten Metaphern über Gleichnisse bis zu kunstvollen Mythen. Aber er hat auch die Gefahr sprachlicher Bilder gesehen, die darin liegt, dass sie nicht als Bilder erkannt werden. Eben das macht sich der sophistische Rhetor, wie Platon ihn sieht, zu Nutze: Er führt sein Publikum durch trügerische Bilder hinters Licht.

„Die Grundbedingungen der Rhetorik sind gleich geblieben“

Wie schätzen Sie heute die Bedeutung der Rhetorik für moderne demokratische Gesellschaften ein? 

Unsere alltägliche Lebenswelt ist rhetorisch konstituiert, heute ebenso wie in der Antike. Es sind neue Medien der Kommunikation hinzugekommen. Über den Lautsprecher und das Mikrofon erreichen wir größere Zuhörermassen, obwohl man auch bedenken muss, dass antike Theater mit ihrer Akustik in dieser Hinsicht erstaunlich viel geleistet haben. Druckmedien wie die Zeitung, dann der Rundfunk, der Film, das Fernsehen, das Internet haben die Möglichkeiten enorm erweitert, auf räumlich und zeitlich nicht präsente Adressaten und auf immer größere Menschenmassen einzuwirken. Aber die Grundbedingungen sind gleichgeblieben. Der beste Beweis dafür: Platons Höhlengleichnis, das die Welt der Höhle, die alltägliche Lebenswelt, von Rhetorik dominiert darstellt, lässt sich besonders gut auf  unsere Lebenswelt und die modernen Medien wie den Film und das Fernsehen übertragen. Das beste begriffliche Analyseinstrumentarium dazu stellt noch immer die „Rhetorik“ des Aristoteles zur Verfügung.

„Unsere alltägliche Lebenswelt ist rhetorisch konstituiert, heute ebenso wie in der Antike“, konstatiert Professor Heinrich Niehues-Pröbsting. Das gilt auch in Bezug auf die sozialen Medien, die auch nach klassischen rhetorischen Gesichtspunkten analysiert werden können. (Bildquelle: Pixabay)

Welcher Zusammenhang besteht zwischen Ethik und Rhetorik? 

Für Aristoteles ist die Rhetorik ein Nebenzweig der Dialektik sowie der Ethik und als solche eine Unterdisziplin der Politik. Ihr formales Werkzeug der Argumentation ist dialektisch-logischer Natur; inhaltlich hat sie es mit ethisch-politischen Themen zu tun. Letztlich geht es in allen drei Redegattungen immer um das Gute: Wir raten zu etwas, weil es ein Gut ist, und raten von einem Übel ab; wir loben das Gute und die Guten und tadeln das Schlechte und die Schlechten; wir verteidigen das Recht als ein hohes Gut und klagen das Unrecht als böse an.

Was ist für Sie eine gute Rede, Herr Professor Pröbsting?

Was ist für sie persönlich eine gute Rede? 

Ich habe keine Ausbildung in praktischer Rhetorik und daher keine professionelle Kenntnis von einer guten Rede. Ich könnte es eher an Beispielen darstellen, anhand von Reden, die mich überzeugt und bewegt haben, am Beispiel eines wissenschaftlichen Vortrags, einer politischen Rede, eines Plädoyers, einer Festrede. Ich bin zu wenig praktischer Rhetor, um da ein Ideal konstruieren zu können.

Sie glauben aber, dass es sich lohnt, von den antiken Vorbildern zu lernen?

Ich überlasse es den Praktikern zu beurteilen, ob und wie weit sie davon profitieren können. Für das theoretische Verständnis rhetorischer und kommunikativer Vorgänge aber scheint mir die antike Rhetorik immer noch höchst aufschlussreich zu sein, ganz abgesehen davon, was sie uns historisch über die Antike lehrt.

Professor Niehues-Pröbsting, herzlichen Dank für das Gespräch. 

Bitte schön.