Rhetorik-Zeitreise (5): Der (un)freie Redner

Hatten Sie schon mal Angst beim Vortragen vor Publikum? Beim Präsentieren setzen wir uns Zwängen aus, die unsere „Freiheit“ einschränken. Das wusste schon der antike Philosoph Platon.

Die Angst, sich lächerlich zu machen

sokrates

Der Kopf des Sokrates, ausgestellt im Palazzo Massimo in Rom. Die platonischen Dialoge sind frei erzählte Dialoge, die Sokrates geführt hat. (Bildquelle: Wikimedia Commons; Rechte: Livioandronico2013)

Jeder kennt die Angst, sich vor anderen zu blamieren. Schon im Jahr 360 vor Christus setzte sich Platon mit dieser Frage auseinander – in seinem Dialog „Theaitetos“.

Theaitetos war ein berühmter Mathematiker, der an Platons Akademie studierte. Das Vorgespräch des Dialoges findet unmittelbar nach einer Schlacht statt, in der Theaitetos schwer verwundet wurde. Der Hauptteil des Gespräches lässt sich jedoch auf einen Termin unmittelbar vor der Gerichtsverhandlung gegen Sokrates datieren. Diese endet für ihn mit dem Todesurteil.

Der freie und der unfreie Redner

Platon stellt in einer kurzen Episode, in der Mitte des Dialogs, die Redepraxis der Sophisten denen der Philosophen gegenüber. Platon differenziert zwischem freiem (Philosoph) und unfreiem Redner (Sophist).

„Mir scheint, das diejenigen, welche sich von Jugend auf an den Gerichtsstätten oder dergleichen aufhalten, im Vergleich mit denen, welche bei den Wissenschaften und in solchen Beschäftigungen erzogen werden, wie Knechte erzogen sind im Vergleich mit Freien.“1

Reden vor Publikum ist wie Reden vor Gericht

sanduhr

Jede Rede hat ein Ende. Vor antiken Gerichten gab es einen genauen Zeitplan. Die Verteidungsrede war zeitlich begrenzt. (Bildquelle: Pixabay)

Da es im antiken Griechenland noch keine Rechtsanwälte gab, musste jeder Bürger sich selbst vor Gericht verteidigen. Auch deshalb hatten die Sophisten so großen Zulauf. Platon vergleicht deshalb das Reden vor Publikum mit dem Reden vor Gericht. Beide Situationen erfordern die Einhaltung bestimmter Regeln. Die Sophisten lehrten ihre Schüler, mit diesen Zwangsumständen bestmöglichst umzugehen.

Die Uhr tickt: Das Zeitproblem

Nicht erst heute fällt es Menschen schwer, kurz und knapp das wichtigste in einem Vortrag zu sagen. Zeitdruck beim Reden kannten auch schon die antiken Redner. Vor Gericht lief damals sogar eine Sand- oder Wasseruhr ab. Platon beschreibt das sehr plastisch:

„[Denn] es treibt sie zur Eile das Wasser, welches abfließt, und läßt ihnen nicht zu, worüber sie ab liebsten möchten, Untersuchungen anzustellen; sondern der Gegner steht dabei und hält in Zwang und ließt zur Überprüfung einen Abriß der Punkte, über deren Grenzen hinaus sie nichts reden dürfen.“2

Ausgeliefert sein: Das Urteil der Anderen

Weiterhin liefert sich ein Redner immer dem Urteil anderer Menschen aus. Wie vor Gericht: Der Angeklagte ist letztlich auch dem Urteil des Richters unterworfen:

„… ihre Reden … sind gerichtet an einen Herrn, welcher vor ihnen sitzt und die Gewalt in Händen hat.“3

Der Tod des Sokrates. Dargestellt von Jacques-Louis David im Jahr 1787. Sokrates vermochte es nicht durch Redekunst seine Unschuld zu beweisen. Er wollte es aber auch gar nicht. Er blieb auch vor Gericht der Philosoph. Schließlich wurde im der Schierlingsbecher gereicht, ein Giftgemisch an dem er starb.

Der Tod des Sokrates. Dargestellt von Jacques-Louis David im Jahr 1787. Sokrates vermochte vor Gericht nicht durch Redekunst seine Unschuld zu beweisen. In den Augen der Sophisten versagte er. Bis zuletzt blieb er der denkende Philosoph, der sich nicht um Zwangsumstände schert. Sokrates wurde wurde schließlich zum Tode durch den Schierlingsbecher verurteilt, einem Giftgemisch durch das er starb. (Bildquelle: Wikimedia Commons)

Existenzkampf: Wie Weiterleben?

Der dritten Zwangsumstand nimmt die Konsequenzen dieses Urteils in den Blick: Beim Reden geht es nie um nichts, sondern immer um alles. Vor Gericht geht es sogar um das eigene Leben, vielleicht um den Erhalt der Freiheit. Heute geht es beim vortragen und präsentieren häufig um das Bestehen einer Prüfung; vielleicht auch um eine gute Note. Daher kann man sagen: Oft entscheidet sich am Reden die Zukunft:

„Und der Streit geht niemals um dies oder das, sondern immer um einen selbst, ja oft geht es um das Leben.“ 4

Und weil sich jeder Redner diesen Zwangsumständen aussetzt, setzen die Sophisten alles daran, dem Publikum oder dem Richter zu gefallen.

Der Sophist krümmt früh die Seele

Ein Reden, dass sich ganz diesen Zwangsumständen unterwirft, leht Platon als unfrei ab. Der Sophist redet ganz nach Zeit, schmeichelt dem Hörer und versucht selbst scheinbaren Nachteil in eignen Vorteil zu verwandeln. In dieser Beschreibung trifft sich die realativistische Weltsicht der Sophisten mit ihrem Rhetorik-Konzept.  Der Sophist als unfreier Redner wird von Platon mit scharfen Worten charakterisiert:

„So daß sie [die Sophisten] durch alles dieses zwar scharfsichtig gemacht werden und gewitzt und sich trefflich darauf verstehen, ihrem Herrn mit Worten zu schmeicheln und mit der Tat zu dienen; aber kleinlich und ungerade sind ihre Seelen.
Denn die Knechtschaft von Jugend an hat ihnen das Wachstum und das freie gerade Wesen benommen, indem sie sie nötigt, krumme Dinge zu verrichten, und die noch zarte Seele in große Gefahren und Besorgnisse verwickelt, welche sie ohne Verletzungen des Gerechten und Wahren nicht überstehen können und daher, sogleich zur Lüge und zum gegenseitigen Unrechttun sich hinwendend, so verbogen, und verkrüppelt werden, daß schon nichts Gesundes mehr an ihren Seelen ist, wenn sie aus Jünglingen zu Männern werden, wie gewaltig und weise sie auch geworden zu sein glauben.“ 5

Die Plastik Der Denker (französisch Le Penseur) zählt zu den Hauptwerken des Bildhauers Auguste Rodin und entstand zwischen 1880 und 1882.

Die Plastik „Der Denker“ des französischen Bildhauers Auguste Rodin soll den italienischen Philosophen Dante Alighieri darstellen. Das Kunstwerk entstand zwischen 1880 und 1882. Für Platon kommt aus dem Denken das Wissen. (Bildquelle: Pixabay)

Philosophie ist Selbsterhaltung höherer Art

Das freie Reden hingehen, dass Platon für die Philosophie reklamiert, besteht darin, wahre Erkenntnis aus sich selbst zu finden. Um dieses Ziel zu erreichen, ignoriert der Philosoph alle Maßstäbe und Zwängen der Welt. Er will endlos reden, die Uhr nicht kennen. Für ihn ist die Wahrheitssuche das Primat der Rhetorik; nicht der Richter oder das Publikum. Seine Überzeugungen sind ihm wichtiger als das eigene Leben. Selbst vor Gericht weigert sich der Philosoph, rhetorische Tricks anwenden, weil er Erkenntnissuche und Schmeichelei nicht miteinander vertauschen will.

Wo Philosoph und Sophist scheitern

Daher versagt der Philosoph vor Gericht und in allen anderen „banalen“ Dingen des Lebens. Um das zu illustrieren, führt Platon die sogeannte Thales-Anekdote an:

„Wie auch den Thales  [ein berühmter Philosoph] … als er, um die Sterne zu beschauen, den Blick nach oben gerichtet in den Brunnen fiel, eine artige und witzige thraktische Magd soll verspottet haben, daß er was im Himmel wäre, wohl strebte zu erfahren, was aber vor ihm läge und zu Füßen, ihm unbekannt bliebe. Mit diesem nämlichen Spotte nun reicht man noch immer aus gegen alle, welche in der Philosophie leben.“ 6

Auch wenn der Philosoph sich blamiert und vor Gericht mit offenem Mund dasteht – noch lächerlicher macht sich in den Augen Platons der Sophist. Dieser versagt nämlich wenn es um die „Höhe der Begriffe“ geht. Der Sophist kann zwar in Beispielen darüber reden, was er für wahr, gerecht oder glückselig hält. Aber er vermag nicht zu sagen was Wahrheit, Gerechtigkeit und Glückseligkeit an sich bedeuten. Der sophistische Relativisimus versagt ab einer bestimmten Begriffshöhe:

„… [Geht es um die] Untersuchtung der Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit selbst, was jede von ihnen ist und wodurch sie unter sich und von allem übrigen unterschieden sind, oder von dem „Ob ein König glückselig ist und einer, der Gold besitzt“ zu der Frage vom Königtum selbst und überhaupt von menschlicher Glückseligkeit und Elend, worin beides besteht und auf welche Weise es der menschlichen Natur zukommt, die eine zu erlangen und dem anderen zu entgehen – sobald über eins von diesen Dingen ein solcher Kleingeistiger, Verschmitzer, in Rechtsstreiten Gewandter Rede stehen soll, dann bezahlt wiederum er das gleiche: wie er schwindelnd von der Höhe herüberhängt und von oben herabschauend aus Ungewohnheit der Sache ängstlich und unbeholfen ist, der Sprache nicht mächtiger als ein Kind, erregt er den Thrakierinnen zwar nicht Gelächter, auch sonst Ununterrichteten nicht, denn sie bemerken es nicht, wohl aber allen, welche nicht wie Leibeigene, sondern auf die entgegengesetze Weise aufgewachsen sind.“ 7

Das Logo der Anti-PowerPoint-Partei. Die Partei setzt sich für die Abschaffung des PowerPoint-Zwangs ein.

Die Anti-PowerPoint-Partei setzt sich für die Abschaffung des PowerPoint-Zwangs ein.

Die Zwänge von heute

Vielleicht erscheint der Konflikt zwischen sophistischem und philosophischen Rhetorik-Konzept dem einen oder anderen altmodisch oder aus der Zeit gefallen. Aber das Gegenteil ist der Fall. Die alten Zwänge bestehen noch: Zeitdruck, Angst vor dem Urteil der Anderen, die existenzielle Dimension des Redens. Aber dazugekommen sind neue Zwänge und Korsette, die die Kraft und Einzigartigkeit der freien Rede einschränken: zum Beispiel PowerPoint. Es gilt heute mehr denn je ein Stück zur „alten philosophischen Freiheit“ beim präsentieren zurückzufinden, für die Platon im Theaitetos plädiert.


 

  1. Platon, Theaitetos, in: Platon, Sämtliche Werke 3, S. 139.
  2. Ebd.
  3. Ebd.
  4. Ebd.
  5. Ebd.
  6. Ebd, S.140.
  7. Ebd, S. 142