Rhetorik-Zeitreise (11): Die fünf Stadien einer Rede

Wie entsteht eine gute Rede? Aristoteles beschreibt in seiner „Rhetorik“ fünf Schritte.

Die fünf Bearbeitungsschritte einer Rede

1. Argumente finden (inventio) 

Im ersten Schritt geht es zunächst darum, den Stoff zum Redethema zusammenzutragen, die Inhalte zu recherchieren und einen Materialfundus anzulegen. Nicht alles kann später in der Rede auftauchen. Es geht um eine Sichtung des Materials.

2. Die Rede gliedern (dispositio)

Im zweiten Schritt muss das Material gegliedert und in eine logische Reihenfolge gebracht werden.

3. Sprachlich gestalten (elocutio)

Im nächsten Schritt muss das Material in eine angemessene sprachliche Form gebracht werden. Man könnte sagen: Der nackten Gliederung wird in diesem Schritt ein schöner Redeschmuck verpasst. An dieser Stelle werden stilistische Mittel und rhetorische Verstärker eingebaut (sprachliche Bilder, Geschichten), die Sprache wird verfeinert, die Argumentation geschliffen.

Anhand der elocutio lassen sich zahlreiche Querverbindungen zwischen Rhetorik und Literatur darstellen, die noch im Verlauf der Rhetorik-Zeitreise behandelt werden.

4. Den Text einprägen (memoria)

Weg-2

Die antiken Rhetorik-Lehrer kannten raffinierte Memo-Techniken. Sie verglichen die Kunst der freien Rede oft mit dem Gang durch eine vertraute Umgebung, zum Beispiel bei einem Spaziergang oder einem Rundgang durch die eigene Wohnung. Die Gliederungspunkte der Rede verknüpften sie dann mit den Orten oder Räumen der vertrauten Umgebung. Noch heute eignet sich diese Technik zum Einprägen wichtiger Gedanken. (Bildquelle: Pixabay)

5. Die Rede halten (actio/pronuntiatio)

Das Halten der Rede ist das große Finale. Die Redevorbereitung ist vorbei. Es heißt: Bühne frei für den Redner! Jetzt geht es darum, das Geübte möglichst gut umzusetzen.

Sprache-Gedanken

Die künstliche Trennung von Gedanken und Sprache in der Rhetorik hatte unter anderem pädagogische Gründe. Auf diese Weise war eine systematische Vermittlung der Rhetorik möglich. (Bildquelle: Pixabay)

Die Trennung von Gedanken und Sprache 

Vielleicht erscheint diese Schrittfolge etwas künstlich. Aber die Wahrheit ist: Sowohl beim Schreiben von Texten als auch beim Vorbereiten von Reden werden diese Schritte intuitiv vom Autor angewendet – vielleicht auch ohne es zu merken.

Auffällig an dieser Schrittfolge ist, dass Gedanken und Sprache voneinander getrennt betrachtet werden. Während die ersten drei Schritte (inventio, dispositio, elocutio) auf Erfindung, Gliederung und Gestaltung der Gedanken zielen, berühren memoria und actio die sprachliche Ebene der Rede.

Die Rhetorik konstitutiert sich dadurch, dass sie das Reich der Gedanken vom Reich der Sprache trennt, auch wenn Sie anschließend wieder viel dafür tut, beides zusammenzudenken.1

An der elften Station der Rhetorik-Zeitreise erfahren Sie mehr über den Zusammenhang von Furcht und Rhetorik.


 

  1. Göttert, Karl-Heinz, Einführung in die Rhetorik. Grundbegriffe – Geschichte – Rezeption, München 1998, S. 25.