Rhetorik-Zeitreise (10): Drei Arten der Rede

In der aristotelischen Rhetorik werden drei Arten der Rede unterschieden. Ist diese Trias überholt oder noch aktuell? Ein Versuch der Analyse.

Mit den genera dicendi (Redegattungen) des Aristoteles werden erstmals die Anforderungen und Bedingungen an eine Rede definiert. Unterschieden wird zwischen beratender Rede, gerichtlicher Rede und Prunkrede. Diese Trias gab es schon vor Aristoteles. Er ist aber der Erste, der in phänomenaler Klarheit die Eigenheiten der drei Arten der Rede herausarbeitet.1

Beratung für die Praxis

beratung

Bildquelle: Pixabay

Die beratende Rede (genus deliberativum) bezieht sich immer auf Zukünftiges. Sie zielt darauf, dass in der Zukunft richtig gehandelt wird.

„Die Gattung der beratenden Rede hat Zuraten und Abraten zur Aufgabe; denn eines von beiden tun die immer, die entweder privat Rat erteilen oder die vor der Volksversammlung als Redner auftreten.“2

Die beratende Rede will Schaden mindern und Nutzen mehren. Zum Beispiel bei der Verteilung von Geldern im Staat, in Verhandlungen über Krieg und Frieden oder in Diskussionen um die Höhe der Steuern. Es gilt: Alle politischen Fragen sind Gegenstand der Beratung. Denn Beratung gibt es nur dort, wo etwas nicht notwendiger Weise so ist wie es ist. Dort wo eine Sache unsicher ist, ist sie Gegenstand der Beratung. Für Aristoteles ist das letzte Ziel der Beratung die Glückseligkeit.

Die Rede vor Gericht

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Die Symbole der Justiz: Der Richterhammer und die Waage, die Recht und Unrecht symbolisiert. (Bildquelle: Pixabay)

Die gerichtliche Rede (genus iudiciale) zielt auf die Beurteilung der Vergangenheit. Ihr Gegenstand ist es, die Scheideline zwischen Recht und Unrecht aufzuzeigen:

„Die Gattung der Gerichtsrede beinhaltet entweder Anklage oder Verteidigung; denn eins von beiden müssen die streitenden Parteien tun.“3

Die Gerichtsrede hat den Richter als Hörer im Blick. Hier sei an die fünfte Folge der Rhetorik-Zeitreise erinnert, wo die Zwangsumstände beleuchtet wurden, denen jeder Redner ausgesetzt ist. Schon Platon hatte das Reden vor Publikum mit dem Reden vor Gericht verglichen.

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Lob und Tadel heißt in den sozialen Meiden heute „like“ oder „dislike“. (Bildquelle: Pixabay)

Die Prunkrede

Bei der sogenannten Prunk- oder Schaurede (genus demonstrativum) geht es darum, einen Menschen zu loben oder zu tadeln. Sie zielt auf die Beurteilung einer gegenwärtigen Situation, Person oder Handlung ab. Sie hat ehrenhaftes und unehrenhaftes zum Inhalt. Anlässe für Prunkreden sind zum Beispiel Geburtstage, Hochzeiten oder alle anderen Jubiläen gleich welcher Art.

Aus der Zeit gefallen?

Bis heute wird die aristotelische Trias der Redegattungen immer wieder aufgegriffen und rezipiert. Mit der Gerichtsrede wird heute die juristische Rhetorik verbunden, mit der Beratungsrede die kommunikative Rhetorik. Die Prunkrede sehen manche als Form ästhetischer Rhetorik, manche Autoren sehen sie gar heute in den Massenmedien verwirklicht.4

Welche Relevanz man dieser Typologie auch immer zusprechen mag: sie strukturiert Zeithorizont und Gegenstand der Redetypen in bestechender Klarheit. Dass kann die Rhetorik der Gegenwart nur inspirieren. Das die verschiedenen Redetypen verschiedener Herangehensweisen bedürfen, hat Aristoteles hier unmissverständlich festgestellt. Wie Aristoteles die Schritte der Entstehung einer Rede beschreibt, erfahren Sie im elften Teil der Rhetorik-Zeitreise.


 

  1. Vgl. Göttert, Karl-Heinz, Einführung in die Rhetorik. Grundbegriffe – Geschichte – Rezeption. München 1998, S. 17.
  2. Aristoteles, Rhetorik, München 1995, S. 21.
  3. Ebd.
  4. Vgl. Göttert, Karl-Heinz, Einführung in die Rhetorik, S. 18.