Rhetorik-Zeitreise (13): Für Zielgruppen sprechen

Das sich eine gute Rede an ihren Hörern und damit an ihrer Zielgruppe orientieren sollte, wusste schon Aristoteles. In seiner „Rhetorik“ finden sich bemerkenswerte Zeilen über die drei Haupt-Hörer-Zielgruppen einer Rede.

Das Publikum erreichen

„Wie beschaffen die Menschen in bezug auf ihren Charakter gemäß ihrer Leidenschaften, ihrer Lebensweisen (Verhalten), ihres Alters und der Glücksumstände sind, wollen wir hiernach erörtern.“1

Ausführungen von Aristoteles zu den verschiedenen Zielgruppen finden sich in den Kapiteln 12 bis 14 im zweiten Buch der aristotelischen „Rhetorik“. Dort werden drei Zuhörergruppen behandelt, an die sich eine Rede richten kann:

  • Jugendliche,
  • Ältere (die „bereits ihre Blüte überschritten haben“2) und die
  • „Menschen auf der Höhe des Lebens“3 (mittleres Alter).

Als Mann seiner Zeit hat Aristoteles bei dieser Kategorisierung nur Männer vor Augen. Trotzdem trifft seine Charakterisierung noch weitgehend zu. Denn sie basiert letztlich auf dem Grundsatz: Der Redner muss wissen wie sein Publikum tickt, um sie mit einer Botschaft rhetorisch zu erreichen.

Die Jugendlichen: Hitzig, fröhlich, gutmütig

jugend-übermut

Die Jugend beschreibt Aristoteles als draufgängerisch, hoffnungsvoll und gleichfalls tapfer und gutmütig. (Bildquelle: Pixabay)

„Die Jugendlichen sind ihrem Charakter nach zu Begierde disponiert und geneigt, das zu tun, wonach ihre Begierde tendiert.“4 Sie seien, so Aristoteles, leicht wandelbar und neigten zum Überdruss. Sie würden heftig begehren, aber dann schnell nachlassen. Sie seien oft draufgängerisch, hitzig und jähzornig. Weiterhin ehrgeizig und noch mehr siegenssüchtig, da die Jugend nach dem Überlegen-Sein trachte. Oftmals seien sie aber auch gutmütig und leichtgläubig, weil sie noch nicht so oft getäuscht wurden.5

jugend-welt-offen

Der Jugend steht die Welt offen. Sie zeichnet sich durch einen hoffnungsvollen Blick in die Zukunft aus. (Bildquelle: Pixabay)

Die Jugend sei noch voller Hoffnungen und voller Feuer, weil ihnen noch nicht viel misslungen sei. „Sie leben meistens in der Hoffnung, denn die Hoffnung bezieht sich auf die Zukunft, die Erinnerung aber auf das Vergangene … denn am Morgen des Lebens glaubt man, sich an nichts zu erinnern, dagagen alles zu erhoffen.“6

Er beschreibt die Jugend als „besonders tapfer“ und voll edler Gesinnung, „denn sie sind vom Leben noch nicht gedemütigt worden, vielmehr haben sie Bekanntschaft mit dem Notwendigen gemacht und, sich selbst großer Dinge würdig zu halten, ist erhabene Gesinnung.“7 Sie liebten mehr das Schöne als das Nützliche, sie liebten das Lachen und seien „disponiert für den Spaß; denn Spaß ist gebildeter Übermut. So beschaffen ist der Charakter der Jugend.“8

Die Älteren und die, …

„… die bereits ihre Blüte überschritten haben, haben ein Wesen, dessen meiste Züge aus dem Gegenteil des vorgenannten definiert werden kann; denn weil sie viele Jahre gelebt, häufigere Täuschung erfahren und häufiger Fehler gemacht haben und da die Mehrzehl der Dinge von Nachteil ist, so enthalten sie sich aller bekräftigten Behauptungen und bei allem des Übermaßes mehr, als notwendig ist.“9

alter-mensch

Ältere Menschen beschreibt Aristoteles als Gegensatz der Jugend. Sie lebten oft in der Vergangenheit und seien oftmals über viele Täuschungen resigniert. (Bildrechte: Pixabay)

Ältere Menschen, so analysiert Aristoteles weiter, sagen nur, dass sie etwas meinen, es aber nicht wissen. Wenn sie im Zweifel sind, fügten sie immer die Worte „vielleicht“ und „möglich“ hinzu. Sie seien oftmals übelwollend, argwöhnisch und misstrauisch. „Misstrauisch aber sind sie aus Erfahrung. Und aus dem gleichen Grund ist weder ihre Liebe noch ihr Haß heftig … [sie lieben so] wie wenn sie später hassen, und sie hassen, wie wenn sie später lieben sollten.“10

Diese älteren Menschen seien von niederer Gesinnung und streben nach nichts Großem und Außergewöhnlichen mehr. Sie seien geldgierig, feige und furchtsam. Sie erscheinen oftmals unterkühlt, hingen am Leben und überschritten häufig das Maß der Selbstliebe. Sie seinen gleichgültig und lebten mehr in der Erinnerung als in der Hoffnung. Sie neigten aber auch häufig zum Klagen und seien selten zum Lachen aufgelegt. Alte Menschen seien aber auch zum Mitleid geneigt, jedoch nicht aus Menschenfreundlichkeit, sondern aufgrund ihrer Schwäche. 11

Auf der Höhe des Lebens: Das mittlere Alter

Die Menschen mittleren Alters besitzen im Besonderen die Sympathie des Aristoteles. Denn auf der Höhe des Lebens, hätten die Menschen die Vorzüge der Jugend und des Alters, aber nicht ihre Nachteile. Sie ließen das Übermaß beider Alterslagen beiseite, sie seien „weder allzu vertrauensvoll … – denn das ist die Unbesonnenheit -, noch übermäßig furchtsam“12.

alter-und-jugend

Wo sich Alter und Jugend treffen … dort ist die Zielgruppe, welche die Sympathie des Aristoteles genießt: Die, auf der Höhe des Lebens. (Bildquelle: Pixabay)

Die Menschen auf der Höhe des Lebens urteilten der Realität entsprechend und richteten ihr Leben weder ausschließlich am Nutzen aus, noch auf das Ehrenvolle. Sie seien weder sparsam, noch verschwenderisch. „Sie sind besonnen mit Mut und mutig mit Besonnenheit . Bei den jungen und den alten Menschen nämlich sind diese Eigenschaften getrennt“13. Und wann erreichen Menschen die „Höhe des Lebens“? In den Worten des Aristoteles: „Der Körper erreicht seine Blüte zwischen dem dreißigsten und fünfunddreißigsten Lebensjahr, die Seele aber um das neunundvierzigste Lebensjahr.“14

Jugend, Alter, Höhe des Lebens  

Die Charakterisierung der verschiedenen Altersgruppen liest sich fast wie eine modernde soziologische Studie. Sie kann auch heute noch hilfreich sein, um eine Rede oder eine Präsentation auf ihre Publikums- und Zielgruppenorientierung zu überprüfen. Fazit: Aristoteles lesen lohnt sich – auch heute!


 

  1. Aristoteles, Rhetorik, München 1995, S. 120.
  2. Aristoteles, Rhetorik, S. 122.
  3. Aristoteles, Rhetorik, S. 124.
  4. Aristoteles, Rhetorik, S. 120.
  5. Vgl. Aristoteles, Rhetorik, S. 120f.
  6. Aristoteles, Rhetorik, S. 121.
  7. Aristoteles, Rhetorik, S. 121.
  8. Aristoteles, Rhetorik, S. 122.
  9. Aristoteles, Rhetorik, S. 122.
  10. Aristoteles, Rhetorik, S. 123.
  11. Vgl. Aristoteles, Rhetorik, S. 123f.
  12. Aristoteles, Rhetorik, S. 124f.
  13. Aristoteles, Rhetorik, S. 125.
  14. Aristoteles, Rhetorik, S. 125.