Rhetorik-Zeitreise (12): Furcht und Rhetorik

Aristoteles ist der erste Denker, der die Bedeutung von Emotionen und Affekten wissenschaftlich reflektiert. Vor allem das, was er über den Zusammenhang von Furcht und Rhetorik schreibt, ist heute aktueller denn je.

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Wer in einer unklaren Sache sein Publikum überzeugen will, muss in der Lage sein, beim Publikum Furcht vor einen Übel oder Hoffnung auf eine schnelle Lösung zu wecken. (Bildquelle: Pixabay)

In einer Beratungsrede überzeugen

Wenn Aristoteles sich in seiner „Rhetorik“ mit der Furcht beschäftigt, dann gehören diese Aussagen zu seiner Theorie des pathos, einem der drei Überzeugungsmittel, die Gegenstand seiner Theorie der Rhetorik sind.1

Aristoteles ist sich darüber im klaren, dass es stets Ziel einer Beratungsrede ist, entweder beim Publikum Furcht zu erzeugen oder Hoffnungen zu wecken. Deshalb reflektiert er intensiv darüber, was Furcht eigentlich bedeutet.

Was heißt hier Furcht?

„Es sei also die Furcht eine gewisse Empfindung von Unlust und ein beunruhigendes Gefühl, hervorgegangen aus der Vorstellung eines bevorstehenden Übels, das entweder verblich oder doch schmerzhaft ist“2.

Für Aristoteles erregen nicht alle Übel Furcht. Ihm kommt es immer auf die Wahrnehmung des Übels an. Ist das Übel nah oder fern? Steht das Übel unmittelbar bevor oder droht es erst in der Zukunft? Er verdeutlicht dies am Beispiel des Todes: „Es wissen nämlich alle, daß sie sterben werden, aber weil es nicht nahe bevorsteht, kümmern sie sich nicht darum.“3

Ein Übel muss daher für Aristoteles erstens naheliegend und zweitens groß sein. Denn in der Regel wird nicht der Mückenstich gefürchtet, sehr wohl aber der tödliche Schlangenbiss.

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Furcht ist für Aristoteles das beunruhigende Gefühle vor einem großen und nahen Übel. (Bildquelle: Pixabay)

Für die Rhetorik der Beratungsrede bedeutet das: Wenn ein Redner seine Zuhörer in einer kontroversen Frage überzeugen will, dann hat er zwei Möglichkeiten. Entweder er verkauft dem Publikum die kontoverse Frage als bevorstehendes, drohendes Übel. Oder er präsentiert dem Publikum seine Antwort auf das Problem als „beste Lösung“.

Denn es „muss vielmehr eine gewisse Hoffnung auf Rettung vor dem, wovor wir Angst empfinden, vorhanden sein … [Denn] die Furcht macht die Menschen zum überlegen fähig, wo doch niemand mehr Rat sucht über hoffnungslose Situationen. Daher muss man die Zuhörer dazu bringen, wenn es zu ihrem Vorteil gereicht, Furcht zu empfinden, daß sie in der Lage sind, sich für Leidende zu halten“.4

Wenn sich Menschen nicht beraten lassen …

Aristoteles hält furchtlose Menschen für beratungsressistent. Das gilt in der Regel für die Verzweifelten. Denn sie meinen oftmals: „Mir kann nichts schlimmeres mehr passieren!“ Deshalb sind furchtlose Menschen oftmals kaum belehrbar. Beratungs-Rhetorik ist dort vergebens, wo jemandem nicht bewusst ist, dass er räumlich und zeitlich von einem Übel betroffen ist.

Martin Heidegger und die Furcht

Von Willy Pragher - Landesarchiv Baden-Württenberg, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=34975219

Der deutsche Philosoph Martin Heidegger (1889-1976). (Bildquelle: Landesarchiv Baden-Württenberg, CC BY-SA 3.0, Fotograf: Willy Pragher, Permalink)

Aristoteles Ausführungen zur Furcht hatten eine starke Wirkung auf das Werk des deutschen Philosophen Martin Heidegger. In seinem Hauptwerk „Sein und Zeit“ rekurriert er auf Aristoteles‘ Überlegungen zur Furcht, wenn er von der Angst als Grundbefindlichkeit des Daseins spricht.5 Hierbei ist aber der Unterschied zu beachten, dass Heidegger zwischen Angst und Furcht unterscheidet; eine Differenzierung, die bei Aristoteles noch nicht vorkommt.

Der Tod ist für Heidegger Gegenstand der Angst und nicht der Furcht. In dieser Grundstimmung der Todesangst erschließe sich dem Menschen die Welt und das Dasein des Menschen. Damit erhebt Heidegger die Angst zur existenziellen Kategorie des Menschseins. Schließlich komme der Mensch irgendwann der Welt abhanden und die Welt dem Mensch. Dies sind Überlegungen, die Heideggers Beschäftigung mit der „Rhetorik“ des Aristoteles entsprungen sind.6


 

  1. Aristoteles, Rhetorik, Buch II, Kapitel 5, München 1995, S. 98ff.
  2. Aristoteles, Rhetorik, S. 98.
  3. Ebd..
  4. Aristoteles, Rhetorik, S. 100.
  5. Vgl. Heidegger, Martin, Sein und Zeit, § 30, S. 140, Tübingen 1976.
  6. Vgl. Niehues-Pröbsting, „Ein erstes Stück rechtsverstandener Logik“, in: Kopperschmidt, Josef (Hg.), Heidegger über Rhetorik, München 2009, S.155.