Rhetorik-Zeitreise (9): Glaubwürdig scheinen

Ein Redner erreicht sein Publikum, wenn er glaubwürdig wirkt oder zumindest glaubwürdig scheint. Doch welche Dinge sind dafür entscheidend? Aristoteles klärt auf.1

Rhetorik als Wissenschaft?

Aristoteles definiert die Rhetorik als das Vermögen,

bei jedem Gegenstand das möglicherweise Glaubenerweckende zu erkennen.“2

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Aristoteles, interpretiert vom italienischen Maler Francesco Hayez (1811). Aristoteles Werk „Rhetorik“ ist die geschlossenste Rhetorik-Theorie der Geistesgeschichte. (Wikimedia Commons)

Erstmals ist nicht mehr von Rhetorik als téchne die Rede, sondern für Aristoteles ist  Rhetorik eine Theorie. Eine Theorie, die ermöglicht, zu erkennen und zu sehen was das bei jedem Gegenstand Glaubenerweckende ist.

Thomas Schirren widerspricht in seinen Anmerkungen zu einer früheren Fassung dieses Beitrages dieser Deutung. Aristoteles verleihe der Rhetorik nicht den Status einer Wissenschaft (Episteme), da sie keinem festen Gegenstandsbereich zugeordnet sei. Als Generalkompetenz ohne fachliche Grenze sei die Rhetorik für Aristoteles eine Kunstlehre im Sinne der Techne, allerdings ohne Episteme. Gegenstand einer Theorie könne aber nur der Gegenstand sein, der sich nicht bald anders verhalten kann. Dies gelte aber für die Rhetorik, bei der es gerade auf die Kontingenz der rhetorischen Situation ankomme.3 Folgen wir der Argumentation von Schirren, dann dürften auch Politik oder Ethik nicht als Wissenschaften oder Theorien gelten. Auch deren Gegenstand kann sich anders verhalten. Doch die Rhetorik im Sinne des Aristoteles abstrahiert gerade vom Einzelfall und fragt nach den Bedingungen erfolgreichen Redens und der rhetorischen Situation auf theoretisch-allgemeiner Ebene. Insofern betreibt Aristoteles Rhetorik als Theorie.

Rhetorik als Lehre der Überzeugungsmittel

Aristoteles konzipiert die Rhetorik als Lehre von den Überzeugungsmitteln. Dabei differenziert er zwischen artifiziellen und nicht artifiziellen Überzeugungsmitteln (Quellen wie z.B. Protokolle, Geständnisse etc.) Nur artifizielle Überzeugungsmittel sind für ihn Gegenstand der Rhetorik, weil diese durch den Redner mit der Rede selbst bewirkt werden.

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Trias der Überzeugungsmittel (Eigene Darstellung).

Für Aristoteles kommen drei artifizielle Überzeugungsmittel in Betracht:

  • Logos (die Sache selbst)
  • Pathos (die Stimmung des Publikums)4
  • Ethos (der Charakter des Redners)

Die drei Überzeugungsmittel wirken zusammen. Denn je weniger einsichtig eine Sache ist, umso wichtiger ist, dass das Publikum dem Redner glaubt. Die Trias aus Logos, Ethos und Pathos kann als entscheidende Innovation gegenüber der Sophistik gelten.5

Die Glaubwürdigkeit des Redners resultiert wiederum aus drei Eigenschaften: Klugheit, Wohlwollen und Tugend.

Daher lassen sich drei Anforderungen an den Redner definieren:

  • Er muss wissen, wovon er redet. (Logos)
  • Er muss dem Publikum wohlgesonnen sein. (Pathos)
  • Er muss ein anständiger Mensch sein. (Ethos)
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Die Präsentation von Zahlen, Daten und Fakten erweckt beim Publikum den Anschein von Kompetenz. (Bildquelle: Pixabay)

Fachkompetenz und Wissen (Logos) in einer Sache bestimmen im hohen Maße die Glaubwürdigkeit des Redners. Aristoteles ist hier jedoch mehr Realist als Optimist. Er weiß sehr genau, dass nicht jeder Redner der beste Fachmann ist. Aristoteles ist der Erste, der reflektiert, dass es genügt, wenn der Redner dem Publikum kompetent erscheint.

Das Publikum muss weiterhin beim Redner Wohlwollen erkennen und das es ihm um seine Sache geht. Es darf für das Publikum nicht offensichtlich sein, dasss der Redner nur eigene Interessen verfolgt.

Weiterhin darf die Lebenspraxis des Redners nicht dem Anliegen des Redners widersprechen. Denn je zweifelhafter eine Sache, umso wichtiger ist das Erscheinungsbild des Redners (Ethos). Und je wichtiger eine Sache, umso wichtiger ist es, das Publikum in eine positive Stimmung zu versetzen (Pathos).

Wenn also jemand eine verstandesmäßig unglaubwürdige Botschaft vermitteln möchte, wie etwa das Versprechen von Erlösung und ewigem Leben, muss er in herausragender Weise glaubwürdig sein oder zumindest scheinen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass im Christentum Jesus Christus selbst als logos bezeichnet wird.6 Und dieser logos behauptet von sich selbst: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“7

Zu Recht bemerkt Schirren in seinem Kommentar zu diesem Beitrag, dass sich Johannes in seinem Evangelium nicht bewusst auf den rhetorischen Logos des Aristoteles bezieht. Dies ist jedoch auch gar nicht behauptet worden. Genauso wurde nicht unterstellt, Johannes habe die aristotelische Rhetorik gekannt.8 Die kurzen Bemerkungen zur rhetorischen Verfasstheit der christlichen Lehre zielten auf die darin enthaltenen, unterbewusst angewandten rhetorischen Strategien. Denn im Christentum fallen Logos und Ethos in der Person Jesu Chrisi zusammen, der als letzter Zeuge der Wahrheit Gottes auftritt. Allerdings wäre noch ergänzen, dass Johannes der Logos nicht direkt durch die stoische Philosophie vermittelt wurde, wie von Schirren unterstellt, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach durch Philon, einen griechisch gebildeten jüdischen Philosophen. Wie Windelband zeigt, wird der Logos-Begriff aber bei Philon nicht so eindeutig personal gedeutet, wie später im Christentum.9

Rhetorik in der Analyse

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Charakter, Fachwissen und Stimmung beim Publikum gelten für Aristoteles als Überzeugungsmittel . Der Redner muss mindestens  glaubwürdig wirken beziehungsweise der Mehrheit glaubwürdig erscheinen. (Bildquelle: Pixabay)

Die Theorie der aristotelischen Überzeugungsmittel ist bis in unsere Tage hinein das beste Analyseinstrument der Glaubwürdigkeit eines Redners. Die drei Überzeugungsmittel müssen jedoch in der konkreten Situation und nur durch die Rede vermittelt werden. Das Ideal einer vollständig moralischen Redner-Persönlichkeit hat Aristoteles nicht vor Augen.10

An der zehnten Station der Rhetorik-Zeitreise werden die verschiedenen Redegattungen vorgestellt, die Aristoteles unterscheidet.


 

  1. Dieser Beitrag wurde auf Anregungen von Prof. Dr. Thomas Schirren (Salzburg) überarbeitet. Für seine Anregungen zu meinem Blog-Beitrag danke ich sehr!
  2. Aristoteles, Rhetorik, München 1995, S. 12.
  3. Vgl. Schirren, Thomas, Elenchos des Rhetorik-Testers, 2. Folge, http://www.rheton.sbg.ac.at/rheton/2016/06/elenchos-des-rhetoriktesters-2-folge/#more-3206 (Stand: 06.07.16).
  4. Schirren zufolge ist die Beschreibung des pathos als Stimmung des Publikums zu vage. Vielmehr regele das vom Redner eingesetzte Pathos die affektive Disposition der Zuhörer. Stimmung klinge sogar eher nach Sympathie, die dem Redner als einem moralisch integer erscheinenden Orator entgegen gebracht werde. (Vgl. Schirren 2016, ebd.
  5. Vgl. Schirren 2016, ebd..
  6. Vgl. Evangelium des Johannes, Kapitel 1, Vers 1, Online
  7. Evangelium des Johannes, Kapitel 14, Vers 6, Online.
  8. Vgl. Schirren 2016, ebd..
  9. Wilhelm Windelband zeigt die wechselnde Logos-Begriffsverwendung bei Philon: Dieser versteht darunter die in sich ruhende göttliche Weisheit, aber auch die zeugende Vernunftkraft des Höchsten. Andererseits beschreibt der Logos bei ihm auch die aus der Gottheit heraustretendende Vernunft, die auch das selbstständige (personale) Abbild Gottes umfasst und damit auf Gottes Sohn Jesus Christus zielt. Philon spricht daher auch vom Logos als „zweitem Gott“. (Vgl. Windelband, Wilhelm, Lehrbuch der Geschichte der Philosophie, Tübingen 1957, S. 207.).
  10. Vgl. Schirren 2016, ebd.