„Im Schatten der Macht“ – Der dienstälteste Redenschreiber Deutschlands im Gespräch (I)

Redenschreiber Hans-Georg Roth arbeitete fast 40 Jahre im Schatten der Macht. In Deutschland arbeiten Ghostwriter eher im Hintergrund, in Amerika haben sie sogar ihren eigenen Berufsstand. (Bildquelle: Pixabay)

Hans-Georg Roth hat vielen Herren gedient. Nach dem Studium schreibt er für den bayrischen Kultusminister Hans Maier, später auch für Franz Josef Strauß. Nach der Wiedervereinigung wechselt er nach Thüringen und schreibt Reden für Bernhard Vogel, später auch noch für Christine Lieberknecht und Bodo Ramelow. Der Rhetorik-Tester spricht mit Hans-Georg Roth über 40 Jahre politische Rhetorik in Deutschland. Im ersten Teil lesen Sie, wie er zum Redenschreiben kam und was er als „Schreibknecht“ bei Maier, Strauß, Vogel und Lieberknecht erlebt hat.

Hans-Georg Roth, Thilo von Trotha, der frühere Redenschreiber von Bundeskanzler Helmut Schmidt, hat Sie einmal als den Redenschreiber mit den meisten Erfahrungen und den meisten geschrieben Reden Deutschlands bezeichnet. 40 Jahre haben Sie Reden geschrieben für Politiker – was ist die Bilanz nach dieser Zeit? 

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Der dienstälteste Redenschreiber Deutschlands: Hans-Georg Roth. (Bildquelle: Hans-Georg Roth)

Es gibt wahrscheinlich niemanden, der solange Redenschreiber war und sein will. Das war die Zufallsbiografie meines Lebens. Es ist ein interessanter, zugleich stressiger Beruf, aber man sollte es nicht zu lange machen. Man dient dann zu vielen Herren im Laufe der Jahrzehnte. Ich denke fünf bis acht Jahren würden genügen.Nach meiner Pensionierung habe ich mich mit einem eigenen Rhetorik-Institut selbstständig gemacht. Eine wohltuende Freiheit! Schön, wenn man noch immer gefragt ist und seine Erfahrung weitergeben kann.

Das Redenschreiben war Ihnen ja nicht die Wiege gelegt. Wie haben Sie sich diese Fähigkeiten und Kenntnisse angeeignet? 

Ich war einmal bei einem Rhetorik-Seminar. Da hat der Dozent gemeint: „Der kann reden“ – und das wollte ich dann eben genauer wissen und habe mir das dann selbst angelesen. Und weitere Rhetorikseminare besucht. Rhetorik ist nicht in die Wiege gelegt. Es ist lernbar, aus Büchern, aus elektronischen Medien, etwa Youtube, aus Seminaren.

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Hans-Georg Roth hat beim bayrischen Kultusminister Prof. Hans Maier mit dem Redenschreiben angefangen. Auf dem Bild ist Hans Maier 2015 in seinem Arbeitszimmer in München zu sehen. (Bildrechte: Johannes Schmoldt)

Als Redenschreiber hat man ja selber nicht so viel Rhetorik-Praxis. Wie oft haben Sie selber Reden gehalten? 

Das ist richtig. Ein guter Redenschreiber muss nicht zwangsläufig ein guter Redner sein. Er hat auch in seinem Beruf dazu gar keine Gelegenheit. Er schreibt für andere und das ist ein ganz anderes Handwerk. Guter Redenschreiber und guter Redner zu sein, das wäre natürlich der Idealfall für einen professionellen Redenschreiber.

Sie sind schon über zwei Jahrzehnte Lehrbeauftragter an der Universität Erfurt. Wie gestaltet sich dieser Spagat zwischen Theorie und Praxis? 

An der Universität ist das wunderbar, weil da die Seminare Workshop-Charakter haben, aber zugleich akademischen Anspruch. Bei anderen Bildungsstätten in der Erwachsenenbildung ist das schwieriger – das gibt es nicht so ein homogenes Publikum, auch nicht ein rein akademisch vorgebildetes. Da hat man oft Jung-Politiker, die etwas werden wollen und Leute, die meinen, dass gute Reden die Karriere fördern.  Das allein ist kein gutes Motiv für das Erlernen der Rhetorikkunst.

„Durch den Kopf des anderen denken“

Wenn wir jetzt mal auf Ihre Erfahrungen in der politischen Rhetorik schauen: Sie haben angefangen bei Kultusminister Hans Maier in München. Was war das  für ein Typ Rhetoriker? 

Das war ein ganz kluger Kopf, einer der großen Universalgelehrten, die es heute noch gibt. Er war sehr anspruchsvoll als Auftraggeber und die Reden mussten ein gewaltiges Niveau haben. Da hat man sich sehr hineinknien müssen. Ich war Schüler bei ihm, ich habe beim ihm studiert. Insofern kann man sich da leichter hineindenken. Man schreibt ja für andere, muss aber trotzdem die Lenin-Taktik beherrschen: durch den Kopf des anderen denken. Das gilt auch für den Redner, für den man schreibt.

Auch für Franz-Josef Strauß schrieb Hans-Georg Roth einige wichtige Reden. (Wikimedia Commons)

Auch für Franz-Josef Strauß schrieb Hans-Georg Roth einige wichtige Reden. (Wikimedia Commons)

Hans Maier war ein ganz anderer Typ als beispielsweise Franz-Josef Strauß, für den  Sie auch geschrieben haben … 

Da durfte ich einzelne Reden als Zulieferer schreiben. Der hat sich auch bedankt dafür. Strauß war der universal gebildete Pragmatiker, der kluge und zugleich hemdsärmelige Typ, der auch mal beim Reden das Jackett in die Ecke warf. Zugleich ein Politiker, der das Repertoire der klassischen Rhetorik meisterhaft beherrschte. Hans Maier war immer der Distinguierte, den es in die Politik verschlagen hat, der nie Politiker werden wollte. Jeder Satz von ihm war druckreif und höchst geistvoll.

Bernhard Vogel war der erste Thüringer Ministerpräsident nach der Wiedervereinigung. Auch ihm diente Hans-Georg Roth als Redenschreiber. (Bild: Wikimedia Commons)

Bernhard Vogel war der erste Thüringer Ministerpräsident nach der Wiedervereinigung. Auch ihm diente Hans-Georg Roth als Redenschreiber. (Wikimedia Commons)

Da gab es auch noch eine dritte Figur, die Sie nach Thüringen gebracht hat: Bernhard Vogel?

Das war ein guter Freund von Hans Maier und da empfiehlt man schon einmal seinen Redenschreiber. Bernhard Vogel hat mich 1992 nach Thüringen gerufen. Ich war zunächst abgeordnet von Bayern und dann bin ich, weil es so spannend war in einer Aufbausituation nach 1990, in Thüringen geblieben – bis zum heutigen Tag.

„Schreibknecht bei Lieberknecht“

Christine Lieberknecht (2014). Für sie schrieb Hans-Georg Roth von 2009-2014. (Bildrechte: Olaf Kosinsky / Wikipedia)

Christine Lieberknecht (2014). Für sie schrieb Hans-Georg Roth von 2009-2014. (Bildrechte: Olaf Kosinsky/Wikipedia)

Dann kamen mehrere Regierungswechsel. Sie haben noch für Christine Lieberknecht geschrieben. Sie haben mal gesagt, Sie waren „Schreibknecht bei Lieberknecht“. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Das ist eine schöne Metapher. Schreibknecht war ich bei allen, denen ich gedient habe. Das war eine flapsige Formulierung. Lieberknecht ist Pastorin. Da dominiert natürlich manchmal der erhobene Zeigefinger, der sonst nicht so gefragt ist; der Moralappell. Ich habe vielen Politikern gedient: vier Ministerpräsidenten und zahlreichen Ministern in Bayern und Thüringen. Vier Wochen habe ich als Beamter pflichtgemäß auch noch für Bodo Ramelow als dem ersten linken Ministerpräsidenten geschrieben. Dann hat die Presse 2015 kommentiert: „Der schwarze Roth geht. Redenschreiber von Strauß bis Ramelow – Er hat allen gedient.“ Das klingt nach Opportunismus, man schreibt für alle. Das trifft für mich nicht zu, man muss schon hinter dem Politiker stehen, für den man schreibt. Nun hat mal Reich-Ranicki einmal ein etwas zynisches Wort gesagt: „Ihr Redenschreiber betreibt ein fieses Geschäft, ihr macht geistige Prostitution für die korrupte Klasse der Politiker.“ Das ist natürlich leicht übertrieben, aber wir müssen Ideen suchen, wir machen nicht die Politik im Hintergrund, aber wir müssen sie so verpacken, dass sie beim Wähler ankommt.  Wohl aber sind Redenschreiber die einzigen, die ihren Chefs was „vorschreiben“ dürfen. Ein seltenes Privileg.

Wie kann man sich das Handwerk des Redenschreibens vorstellen? 

Das ist in einer Behörde kein Problem. Die Fachabteilungen liefern den Stoff zu, aus dem dann die Träume und die Reden werden. Der Stoff ist natürlich trocken – das muss man in der Sache erst einmal selbst kapiert haben, um es so zu formulieren, dass es dann auch die Bürger verstehen. Es ist eine trockene Verwaltungssprache, die natürlich in überzeugende und zugleich solide Rhetorik gegossen werden muss.


Im zweiten Teil des Rhetorik-Tester-Interviews erklärt Hans-Georg Roth, was für ihn eine gute Rede ausmacht und erklärt, warum moderne Rhetorik Kopfkino auslösen sollte. Den zweiten Teil lesen Sie hier.