Rhetorik-Zeitreise (3): Menschsein und Sprache

Dass der Mensch die Sprache hat, unterscheidet ihn von allen anderen Lebewesen. Ohne Sprache und Kommunikation hätte es nie eine Gesellschaft im Sinne einer Gemeinschaft von Menschen gegeben. Erfahren Sie mehr.

Der Mensch und die Gabe der Rede

Der antike Rhetorik-Lehrer Isokrates (436-338 v. Chr.). Von ihm sind 21 Reden und 9 Briefe überliefert.

Der antike Rhetorik-Lehrer Isokrates (436-338 v. Chr.). Von ihm sind 21 Reden und 9 Briefe überliefert. (Bildquelle: Wikimedia Commons)

Über die Rolle der Sprache, der Rede und letztlich der Rhetorik wird schon seit dem vierten Jahrhundert vor Christus nachgedacht. Der Rhetorik-Lehrer Isokrates stellt in der Rede des Nikokles an die Zyprioten dazu erste Überlegungen an. Das griechische Wort logos wird im Urtext der Rede synonym für Sprache und Rede gebraucht. Die Rede des Isokrates liest sich wie ein „Lob des logos.

Isokrates studierte beim Sophisten Gorgias, dem Autor der Helena-Rede. Er gründete in Athen eine Rhetorik-Schule, die oft als Pendant zur Schule Platons beschrieben wird. Das platonische Rhetorik-Konzept ist die nächste Station der Rhetorik-Zeitreise.

Die Rede als Ursprung der Zivilisation

Isokrates beschreibt den Menschen als Mängelwesen, welches selbst vielen Tieren an Schnelligkeit und Körperkraft unterlegen sei. Nur die Gabe der Rede qualifiziere ihn in besonderem Maße: eben zum Menschen. Die Fähigkeit zu reden, ist für Isokrates der Ursprung der menschlichen Zivilisation:

„ … weil wir von Natur aus die Gabe besitzen, einander zu überreden und uns unsere jeweiligen Wünsche mitteilen können, haben wir uns nicht nur davon entfernt, ein Leben wie Tiere zu führen, sondern haben uns zusammengetan, Poleis [Städte] gegründet, uns Gesetze gegeben, die Künste erfunden, ja bei fast allen unseren Erfindungen und Einrichtungen hat uns unsere Fähigkeit zu sprechen geholfen.1

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Idealisierte Ansicht der Athener Akropolis mit Athena Promachos (Statue mit Schild und Speer) und dem Areopag, gemalt von Leo von Klenze im Jahr 1846. Die Akropolis entstand schon zu Lebzeiten des Isokrates. Die Fähigkeit Städte zu bauen und Gemeinschaften zu bilden, führt Isokrates auf die Sprachfähigkeit des Menschen zurück. (Bildquelle: Wikimedia Commons)

Die Rede erzieht den Menschen

Rede baut aber nicht nur Gesellschaft, sondern wird bei Isokrates auch als Mittel zur Erziehung des Menschen zum Guten gesehen:

„Die Sprache [oder Rede] nämlich ist es, die Richtlinien gegeben hat für das Gerechte und Ungerechte, für das was schändlich und was ehrbar ist. Ohne diese Richtlinien könnten wir nicht leben.2

Rede ist bei Isokrates Erziehung zur Gerechtigkeit durch Lob und Tadel. Dieser ethische Anspruch ergibt sich aus dem antiken Denken: Für den antiken Rhetoriker hängt das gute Reden eng mit dem Wesen des Menschen zusammen.

Die Rede spiegelt den Menschen

Isokrates vertritt die Position, dass die Art der Rede den Menschen, der redet selbst wiederspiegelt:

„Denn reden zu können, wie es nötig ist, dies betrachten wir als größtes Zeichen der Vernunft und ein aufrichtiges, gesetzestreues und gerechtes Wort, ist Abbild einer guten und vertrauenswürdigen Seele.3

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Isokrates sieht in der Rhetorik einen Spiegel des Menschen. Er fordert, dass der Redner im Einklang mit seiner Überzeugung leben soll. (Bildquelle: Pixabay)

Das gute Reden, erzieht zum guten Leben. Isokrates spielt hier auf die Glaubwürdigkeit des Redners an. Heute würde man sagen: Es geht um Authentizität. Es geht darum, ob der Redner mit seinen eigenen Worten im Einklang lebt. Dort wo der Mensch im Reden und Handeln nicht übereinstimmt, da lebt er im „performativen Selbstwiderspruch.

Die Gabe der Rede bekommt bei Isokrates einen göttlichen Anklang. Kritiker der Rhetorik-Lehrer stellt er auf eine Stufe mit Gotteslästerern, weil sie verhindern wollen, dass der Mensch im guten Reden unterwiesen wird:

„Deswegen sind die Leute, die es wagen, über Erzieher und Philosophielehrer herzuziehen, ebenso zu hassen wie Frevler an den Einrichtungen für die Götter.4

Isokrates „Lob des logos behandelt die Macht der Rede. Es ist vielleicht die erste elementare Analyse der Sprachfähigkeit des Menschen. Wer sich also mit der Bedeutung und der Macht von Sprache beschäftigt, sollte bei Isokrates beginnen.


 

  1. Isokrates, Rede des Nikokles oder Rede an die Zyprioten, in: Wirth, Peter, Gessel, Wilhelm (Hg.), Bibliothek der Griechischen Literatur, Band 44, Isokrates, Sämtliche Werke, Band I, Reden I-VIII, Briefe, Fragmente, Stuttgart 1993, S. 32.
  2. Ebd.
  3. Ebd.
  4. Ebd.