„Moderne Rhetorik ist Kopfkino“ – Der dienstälteste Redenschreiber Deutschlands im Gespräch (II)

Redenschreiber Hans-Georg Roth arbeitete fast 40 Jahre im Schatten der Macht. In Deutschland arbeiten Ghostwriter eher im Hintergrund, in Amerika haben sie sogar ihren eigenen Berufsstand. (Bildquelle: Pixabay)

Vierzig Jahre hat Hans-Georg Roth Reden für Politiker geschreiben. Im zweiten Teil des Rhetorik-Tester-Interviews verrät er, was für ihn eine gute Rede ausmacht und warum moderne Rhetorik Kino im Kopf auslösen sollte.

Die Kunst, eine gute Rede zu halten

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„Eine gute Rede programmiert die Gestik schon im Text“, meint Redenschreiber Hans-Georg Roth. (Bildquelle: Hans-Georg Roth)

Herr Roth, was macht für Sie eine gute Rede aus? 

Eine gute Rede muss zunächst adressaten- und publikumsorientiert sein. Es ist ein riesiger Unterschied, ob ich auf einem Fachkongress eine Rede halte oder „Catch all“ für alle auf den Markplatz. Diese Form von Wahlkampf-Rede nimmt ab.  Strauß hatte noch 20.000 Leute auf dem Marienplatz versammelt. Das bringt heute kein Politiker mehr hin. Nur Obama schafft das noch. Aber ansonsten ist die Zeit mit Tausenden Zuhörern vorbei. Gute Reden sind publikumsorientiert, sie sollten aber auch das Kunststück beherrschen, schon im Text ein ganz wichtiges Element der Rhetorik zu programmieren, die Gestik. Klein, mittel, groß. Eine Klimax, ideal für die Gestik. Das ist das Entscheidende, dass man im Test schon zwei oder drei Parameter Kunstgriffe für wirkungsorientierte Rhetorik einbaut. Gestik und Klatschsätze kann man programmieren. Das kann man positiv machen: „Das ist eine tolle Sache, die müssen wir schnell umsetzen!“  Oder auch negativ: „Eine Gebietsreform wird es mit mir nicht geben.“ Das ist dann nicht unbedingt ein Klatschsatz, aber eine Reaktion beim Publikum kann man mit solchen Tricks auslösen.  Ein Ja oder Nein oder einen Aha-Effekt. Noch besser, wenn der Redner in der Sache – der Botschaft –  zu überzeugen versteht.

Wie schafft man es, dass eine Rede verständlich wird? 

Ich muss nach Lenin durch den Kopf des anderen denken. Ich muss mich in den Adressaten-Kreis hineinversetzen. Da muss man manches erklären, Fachbegriffe und Hintergründe. Die Zeit nehmen sich manche Kollegen nicht. Populismus macht noch keine gute Rede aus.

Ein wichtiger Punkt ist auch das Auftreten vor Publikum. Viele sind nervös beim Reden vor Publikum. Gibt es dafür einen Tipp?

Da rate ich nicht vorm Spiegel zu üben. Da rate ich, im Text zu denken, wie man das in der Gestik umsetzen kann. Die Gestik ist ein Verstärker der Botschaft. Sie ist der Vorläufer der Botschaft. Erst zeige ich mit den Händen gestisch die Weltkugel, dann rede ich vom globalen Element. Dann sollte man das Auftreten üben. Die Chancen Rhetorik zu erlernen, die sind heute wesentlich besser als zu meiner Studentenzeit.

Populisten, Demagogen und politische Rhetorik

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Der langjährige Redenschreiber Hans-Georg Roth beobachtet, dass durch populisitische Parteien in Europa etwas demagogisches in die politische Rhetorik gekommen ist. In der Rhetorik dürfe es nicht um manipulatives Überreden gehen. Es brauche eine Rhetorik, die überzeugt.

In der Politik ist Rhetorik ja ein wichtiges Medium der Konsensbildung. In den letzten beiden Jahren hat sich in Deutschland ja auch die politischen Debatte verschärft … 

Es ist etwas Demagogisches, viel Populismus dazugekommen, zumindest mit der AfD, wenn man zum Beispiel an Gauland oder Petry denkt. Das ist eine Rhetorik, die zum Teil gefährlich ist. Da ist das Element der politischen suasiven Rhetorik  und der Rabulistik übertrieben worden. Die AfD treibt es wirklich auf die Spitze. Das erinnert an frühere Zeiten, wenn man das analysiert. Diese Art von politischer Rhetorik ist nicht das, was wir an der Uni lehren wollen. Hier geht es um das Überzeugen und nicht um das Überreden, schon gar nicht durch rhetorische skrupellose Manipulation. Der Zweck heiligt nicht die Mittel, dies gilt auch für die Rhetorik.

Wer ist ein besonders guter politischer Redner in Deutschland und weltweit? 

International ist es der noch amtierende Präsident Obama. In Deutschland ist es Gregor Gysi. Der hat eine einige Taktik: Wenn es der kleine Mann kapiert, dann taugt es was. Wenn er es nicht kapiert, dann taugt es nichts! Er hat so seine Gysi-Schleife. Einer der sehr distinguierten großen Redner ist Norbert Lammert, der Parlamentspräsident. Von dem habe ich auch live hervorragende Reden gehört, die in die Tiefe gehen. Das erinnert mich ein bisschen an Hans Maier. Es gibt in allen Fraktionen im Bundestag vielleicht zwei, drei Star-Redner, die man aufzählen könnte. Vielmehr ist es nicht. Der Rest ist nicht gerade erste Sahne – was man an politischer Rhetorik in den deutschen Parlamenten, auch in Landtagen so hört. Das gilt auch für Kanzlerin Merkel, nicht gerade ein Rednergenie.

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Barack Obama gehört für Hans-Georg Roth zu den weltweit besten Rednern. (Bildquelle: Pixabay)

Der aktuelle Bundespräsident Joachim Gauck hält auch immer wieder große Reden. Wie würden Sie seine Rhetorik sehen? 

Gauck ist zweifelsohne ein guter Redner. Er hat zwar auch noch ein bisschen das Pastorale, aber er nimmt sich die Freiheit heraus, das sehen alle Medien so, seine Meinung im Klartextstil zu sagen. Der Bundespräsident kann nur über das gesprochene Wort wirken. Eine andere Waffe hat er in der Politik nicht. Er stimmt nicht mit ab. Und diese Waffe beherrscht er.

Rhetorik in Deutschland: „Da tut sich was.“

Wie steht es derzeit um die Rhetorik in Deutschland? 

Besser als zu der Zeit, als ich angefangen habe. Da gab es nur einen einzigen Lehrstuhl in Deutschland, Walther Jens in Tübingen. Das war die klassische Rhetorikschule von der Antike über die Römer bis hin zum Literarischen. Dann kam Hamburg und inzwischen ist in allen Universitäten ein Rhetorikangebot da. Auch an der Universität Erfurt. Da tut sich also was. Aber wir sind noch nicht so weit wie in England. Die angelsächsischen Länder haben natürlich eine bessere Rhetorik-Kultur.

Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einer Rede beim Bundesparteitag 2015. "Die meisten Reden sind dort aber Saalräumer", sagt Redenschreiber Hans-Georg Roth. (Bildquelle: Kosinsky/Skillshare.eu)

Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einer Rede beim CDU-Bundesparteitag 2015. „Die meisten Reden auf Parteitagen sind aber Saalräumer“, meint Redenschreiber Hans-Georg Roth. (Bildquelle: Kosinsky/Skillshare.eu)

Gibt es einen Unterschied zwischen der Rhetorik vor vierzig Jahren und heute? 

Ganz klar. Damals waren Reden Vorlesungen. Bei Hans Maier waren das abdruckreife fast literarische Reden. Auch das,  was er selbst im Reden noch außerhalb des Textes eingefügt hat. Reden von Strauß, die haben manchmal zwei Stunden gedauert, man konnte aber noch zuhören. Da war auch viel Unterhaltung, da waren Gags drin. Da war viel Profil drin. Das ist heute undenkbar. Als ich anfangen habe, hat eine gute Rede meistens fünfundvierzig bis sechzig Minuten gedauert. Bei Strauß waren auch drei Stunden drin. Man hat viel gelacht, aber es war immer noch viel Substanz drin. Das hat sich sehr geändert. Heute hören die Leute nach einer Viertelstunde schon nicht mehr zu. Auch bei einem Fachkongress. Heute werden SMS-Reden zwar noch nicht gehalten, aber 10 Minuten sind heute das Maximum. Dann muss man zum Finale kommen.

In der politischen Auseinandersetzung gibt es ja auch noch Reden, die bis zu einer Stunde dauern. Zum Beispiel auf Parteitagen. 

Richtig. Es ist paradox manchmal. Auf Parteitagen wird auf den politischen Gegner eingeschlagen, der in derselben Koalition sitzt und im Parlament ist dann wieder Friede, Freude, Eierkuchen. Auch auf Parteitagen sind die Reden zu lang. Die meisten Reden sind Saalräumer. Die Leute wissen schon, was gesagt wird. Große Koalitionen führen auch zu Gleichklang der politischen Aussagen. Das sieht man an den Wahlergebnissen, die Leute wollen nicht mehr die ununterscheidbaren Parteien.

So geht Rhetorik als Kopfkino

Vor welchen Herausforderungen steht dann die Rhetorik? 

Die steht vor der Herausforderung, in Zeiten, wo die Leute nicht mehr gerne zuhören, sie doch noch zu motivieren wenigsten die Kernbotschaften abzunehmen. Deswegen mein Appell an die Wirtschaft und alle Verantwortlichen: Arbeitet zwei oder drei Kernbotschaften heraus, platziert die so, dass die im Gedächtnis bleiben – wie Jingles im Rundfunk, die wirklich hängen bleiben. Moderne Rhetorik ist und bleibt Kopfkino. Ich muss Bilder und Metaphern kreieren, die wie ein Film ablaufen. Wenn Sie ins Kino gehen, können sie eine Minute nach Ende des Films direkt ganze Story nacherzählen. Wenn sie eine Rede hören – egal ob in Wirtschaft oder Politik – und gefragt werden, was hat er denn gesagt, dann wissen das viele oft nicht. Das ist der Unterschied: Wenn man Rhetorik als Kopfkino betreibt, dann kann man die Story nacherzählen. In der modernen Rhetorik gibt es da tragende Elemente: Storytelling, Geschichten erzählen, Metaphern, bildhafte Vergleiche – dann bleibt etwas hängen. Da musste ich mich selber in den letzten dreißig Jahren völlig umstellen.

Das sagt der dienstälteste Redenschreiber in Deutschland. Hans-Georg Roth, vielen Dank für das Gespräch.

Vielen Dank.