Niedergang und Neustart der Rhetorik – Professor Niehues-Pröbsting im Gespräch (3)

Im dritten Teil des Rhetorik-Zeitreise-Interviews erklärt Professor Heinrich Niehues-Pröbsting (Erfurt), welche Gründe zum Niedergang zur Rhetorik im 18. Jahrhundert geführt haben und welchen Weg die Rhetorik im 20. Jahrhundert genommen hat.

Seit wann wurde Rhetorik an den Schulen und Universitäten gelehrt? 

Die Rhetorik war eine der sieben freien Künste, deren Kanon bis in die Antike zurückreicht.  Und auf diesen sieben freien Künsten beruhte der Unterricht. Die Rhetorik gehörte zum Trivium und damit schulisch und universitär zur Grundausstattung. Es gab Rhetorikunterricht an den Domschulen, die als Vorläufer der Universitäten gelten können. Und es gab rhetorische Lehrstühle bis ins 18. Jahrhundert hinein. Gottsched zum Beispiel, der berühmte Verfasser der Poetik, hat auch eine „Rhetorik“ verfasst; er war Professor für Logik und Rhetorik – diese Kombination kam häufig vor. Es gab sogar Lehrstühle für Rhetorik und Metaphysik. Selbst Kant wäre fast auf einem Lehrstuhl für Logik und Rhetorik gelandet, hätte er nicht seinen philosophischen Lehrstuhl schon in Aussicht gehabt. Dann hätte er statt der „Kritik der reinen Vernunft“ vielleicht eine „Rhetorik“ verfasst und viele Lobreden auf den preußischen König als seinen Dienstherren. Denn das war unter anderem die Aufgabe eines Inhabers einer solchen Rhetorik-Professur.

Die Darstellung zeigt die Philosophie inmitten der sieben freien Künste. Die Rhetorik („Rethorica“) ist als Frau im blauen Kleid rechts oben darstellt. Die Abbildung ist eine organinalgetreue farbige Nachbildung aus dem„Hortus Deliciarum“, einem mittelalterlichen Lexikon. Autor dieser Enzyklopädie ist Herrad von Landsberg (1180). (Bildquelle: Wikimedia Commons)

Immanuel Kant (1724-1804) gilt als Feind der Rhetorik. (Bildquelle: Wikimedia Commons)

Immanuel Kant gilt als Feind der Rhetorik. Warum eigentlich?

Traditionell ist bei Kant das alte Vorurteil von der Rhetorik als einer sophistischen, betrügenden Kunst lebendig. Und dann wird die Rhetorik im 18. Jahrhundert durch etliche neu entstehende Disziplinen verdrängt. Einen besonderen Anteil daran hatte, vor allem im deutschen Sprachraum, die Ästhetik. Die Rhetorik, die zuvor die Paradekunst gewesen war und in der frühen Neuzeit mit der Poetik im engsten Verbund stand, weil Poetik und Rhetorik die beiden redenden Künste waren, für die es Anleitungen und Theorien gab, wie etwa Gottscheds „Critische Dichtkunst vor die Deutschen“ und seine „Ausführliche Redekunst“ – eben diese paradigmatische Kunst der Rede wird nicht in den Kanon der schönen Künste aufgenommen, der sich mit der Ästhetik herausbildet.

In der Mitte des 18. Jahrhunderts kommt die Ästhetik als philosophische Disziplin auf; ihr Begründer ist Alexander Gottlieb Baumgarten, der auf der einen Seite der Rhetoriktradition noch stark verpflichtet ist, auf der anderen Seite aber eine Konzeption von Schönem und schöner Kunst vorlegt, nach der die Rhetorik nicht mehr als schöne Kunst gelten kann. Die Rhetorik versinkt in dem Abgrund, der sich im 18. Jahrhundert auftut zwischen Wissenschaft auf der einen und der schönen Kunst auf der anderen Seite. Schöne Kunst wird zur Kunst des Genies. Das Genie hat eine natürliche Veranlagung. Der geniale Künstler weiß im Grunde genommen gar nicht, wie er zu seinen Kunstwerken kommt. Dies ist mit der alten rhetorischen Vorstellung einer lehrhaft vermittelten Kunst nicht mehr vereinbar. Kunst im Sinne der téchne, eines durch Wissen angeleiteten Könnens, steht gegen die schöne und die geniale Kunst und wird von der schönen Kunst und dem Konzept der genialen Kunst verdrängt.

Das heißt, die Rhetorik geht unter in den vielen Disziplinen … 

Neben der Ästhetik entstehen die empirische Psychologie, die Anthropologie, die Hermeneutik, die literarische Kritik, die Geschichtsschreibung – sie alle beerben im Grunde genommen die Rhetorik. Sie bedienen sich aus ihrem reichen Fundus; sie plündern die Rhetorik. Meines Erachtens hat die Ästhetik an dem Verdrängen der Rhetorik in Deutschland den größten Anteil. In den Kanon der schönen Künste geht die Dichtung als redende Kunst ein, aber die Rhetorik bleibt außen vor.

Søren Kierkegaard (1813-1855) in einer vereinfachten Darstellung um 1840. (Bildquelle: Wikimedia Commons/Royal Library of Denmark – Kierkegaard Manuscripts)

Wie kommt es dann dazu, dass die Rhetorik trotzdem nicht ganz untergeht? Wo und durch wen kommt sie wieder zu neuer Größe? 

Es gab immer Einzelne, die um die Bedeutung der Rhetorik gewusst haben. Kierkegaard zum Beispiel. Schon aus seinem Studium im Predigerseminar war er mit christlicher Beredsamkeit bestens vertraut, und er hat ja christliche Reden verfasst. Übrigens hatte Kierkegaard den genialen Einfall, eine christliche Beredsamkeit als eine neue Wissenschaft nach dem Vorbild des Aristoteles zu konzipieren. Es ist nicht dazu gekommen, aber er hat die Möglichkeiten gesehen, die die aristotelische „Rhetorik“ auch für eine christliche Beredsamkeit enthält, und das nicht nur rein formal, sondern auch inhaltlich, zum Beispiel im Hinblick auf die Durchdringung des Glaubensbegriffes. Er sah, dass es in der aristotelischen Rhetorik um die pisteis geht, die Glaubensgründe.

Dann Schopenhauer, der von Rhetorik ebenso viel theoretisch verstand, wie er sie praktisch beherrschte. Er hat namentlich die aristotelische „Rhetorik“ genau studiert und als Werk sehr geschätzt – während er ansonsten von Aristoteles als Autor keine besonders hohe Meinung hatte. Wie Schopenhauer waren auch die jungen Romantiker noch in der Tradition der Rhetorik erzogen worden und mit ihr vertraut; das gilt in besonderer Weise für die professionellen Philologen unter ihnen wie die Gebrüder Schlegel. Aber dann übernehmen diese Romantiker eine Vorstellung von Kunst, die an der idealistischen Ästhetik orientiert ist, und sie geraten in einen gewissen Zwiespalt zur Rhetorik, was man bei dem Chefprogrammatiker der Romantik, Friedrich Schlegel, gut beobachten kann. Auch Nietzsche war als Altphilologe fachkundlich mit der antiken Rhetorik und ihrer Bedeutung für die antike Kultur vertraut; er hat darüber wiederholt Vorlesungen gehalten. Und wie Schopenhauer war er als Philosoph ein großer Rhetoriker. Vor allem war er sich seiner Sprachmächtigkeit bewusst und hat sich in dieser Hinsicht mit Luther verglichen. Das Wesen von Nietzsches Philosophie sei Rhetorik, hat Hans Blumenberg einmal geschrieben.

Der deutsche Philosoph Martin Heidegger (1889-1976). (Bildquelle: Landesarchiv Baden-Württenberg, CC BY-SA 3.0, Fotograf: Willy Pragher, Permalink)

Heidegger, der die Rhetorik-Vorlesungen Nietzsches kannte, hat die „Rhetorik“ des Aristoteles für seine Daseins-Analytik in „Sein und Zeit“ entdeckt und ausgewertet. Das geschieht im Zusammenhang seiner Kritik an der Orientierung der Philosophie an der Logik, wie er sie bei Husserl und dem Neukantianismus erlebt hatte. Die traditionelle Logik, so kritisiert Heidegger, verstehe den logos nicht ursprünglich, weil sie sich einseitig an der wissenschaftlichen Form der Rede, dem Aussagesatz, orientiere. Ursprünglich sei dagegen das lebensweltliche Reden, das Aristoteles in der „Rhetorik“ analysiere, und diese sei daher „ein erstes Stück rechtverstandener Logik“. Von besonderer Bedeutung wird für ihn dabei die Untersuchung der Affekte in der aristotelischen „Rhetorik“. Der späte Heidegger wird sich dann allerdings in seinem Sprachdenken von der Rhetorik ab- und der Dichtung zuwenden.


  • Im vierten Teil des Interviews zur Rhetorik-Zeitreise erfahren Sie unter anderem, wozu der Missbrauch der Rhetorik in totalitären Regimen geführt hat und welche Rolle die Rhetorik für moderne Demokratien spielt.
  • Der vierte und letzte Teil des Gespräches mit Professor Heinrich Niehues-Pröbsting erscheint auf dieser Seite am Sonntag, 04. Juni 2017, 12 Uhr.