Rhetorik-Zeitreise (6): Platons Gorgias

Einer der berühmtesten Rhetorik-Texte ist der platonische Dialog „Gorgias“. Er ist nicht nur für sich genommen ein rhetorisches Meisterwerk, sondern auch Platons Manifest gegen die Rhetorik der Sophisten.

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Der Kopf des Sokrates. Im Gorgias disputierter er mit Gorgias und seinen Schülern. (Bildquelle: Wikimedia Commons, Bildrechte: Livioandronico2013)

Es geht um den Begriff der Rhetorik

Im „Gorgias“ geht es um den Begriff der Rhetorik selber. Der Dialog ist dreistufig aufgebaut. Im ersten Teil unterhält sich Sokrates mit dem Sophisten Gorgias, im zweiten Teil mit dem jüngeren Sophisten Pollos. Im dritten Teil disputiert Sokrates mit Kallikles, dem radikalsten Vertreter des Sophismus. Der „Gorgias“ ist ein Kampfdialog. Im Unterschied zum Theaitetos, der noch ein „friedliches“ Gespräch unter Gleichgesinnten darstellt, beschreibt der „Gorgias“ einen Kampf unter Gegnern. Der historische Gorgias ist uns während unserer Rhetorik-Zeitreise bereits als Autor der Helena-Rede begegnet.

Rhetorik-Fest und Rede-Schlacht

Der Dialog beginnt mit dramtischen Worten:

KALLIKLES: Zum Kriege und zur Schlacht, heißt es, o Sokrates, muß man so zurecht kommen.
SOKRATES: Also sind wir wohl, was man nennt, nach dem Fest gekommen und verspätet?
KALLIKLES: Und nach einem gar herrlichen Fest! Denn viel Schönes hat uns Gorgias nur ganz vor kurzem zu hören gegeben.1

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Die älteste erhaltende Version des „Gorgias“ wird auf das Jahr 895 datiert. Die mittelalterliche Handschrift ist Teil des „Codex Clarkianus“, einer Handschriftensammlung antiker Autoren. Sie wurde vom orthodoxen Erzbischof Arethas von Caesarea zusammengestellt. (Bildquelle: Wikimedia Commons)

Dem Gespräch des Sokrates ging eine große Schaurede des Gorgias voraus. Diese wird von Sokrates als „Fest“ und vom radikalen Sophisten Kallikles als „gar herrliches Fest“ charakterisiert.

Die Reden der Sophisten waren in der Antike öffentliche Großereignisse. Unzählige Menschen kamen, um die berühmtesten Redner ihrer Zeit zu hören. Nach dem Rede-Fest wird Sokrates aber von Kallikles zum „Kriege und zur Schlacht“ geladen. Eine Formulierung, die auf das folgende Gespräch mit dem Meister-Redner Gorgias anspielt.

„Was ist Gorgias?“

Sokrates hat klare Erwartungen an die Begegnung mit Gorgias:

„Denn ich will gern von ihm erfahren, was doch die Kunst des Mannes eigentlich vermag und was das ist, was er ausbietet und lehrt.“2

Sokrates will erfahren, was Gorgias ist – nicht wer Gorgias ist. Ihn interessiert, als was sich der Prototyp des Sophismus selbst versteht. Man könnte sagen, es geht ihm um den „Beruf“ des Gorgias.

Rhetorik als Meta-Kunst

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Die Rhetorik als „Königin der freien Künste“ (regina artis). Die Darstellung stammt aus der Kupferstich-Sammlung „Mantegna Tarocchi“. Sie wird auf das Jahr 1470 datiert und entstand in Norditalien. (Bildquelle: Wikimedia Commons)

Für Gorgias ist die Rhetorik eine Über-Kunst. Wer sie beherrschst, beherrscht auch alle anderen Künste. Für Gorgias bezieht sich die Redekunst auf das Reden selber. Auf die Frage des Sokrates, worauf sich aber seine Reden beziehen, antwortet Gorgias:

„[Auf die] … wichtigsten, o Sokrates, unter allen menschlichen Dingen und die herrlichsten.“ 3

Damit reklamiert Gorgias etwas, was auch Sokrates und die Philosophie für sich beanspruchen. Auch sie wollen den Menschen zeigen, was das wichtigste, herrlichste und schönste sei. Letzlich geht es ihnen um die Frage: Wie kann man gut leben?

Der feine Unterschied

Die Sophisten wollen bei ihrem Publikum Glauben wecken durch Rhetorik als Überredungskunst. Den Philosophen geht es um eine andere Art der Überredung. Ihnen geht es um eine „Überredung zum Wissen“, um eine Belehrung zum Guten.

Hier zeigt sich die enge Verwandtschaft von Rhetorik und Philosophie. Dem Wort „überreden“ kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Denn das griechische Wort peísei kann im Deutschen entweder überreden oder überzeugen bedeuten.

Sokrates ressümiert den Gesprächsverlauf, indem er eine Definition sophistischer Rhetorik gibt:

SOKRATES: Die Redekunst also, Gorgias, ist, wie es scheint, Meisterin in einer Glauben machenden, nicht in einer belehrenden Überredung in bezug auf Gerechtes und Ungerechtes?
GORGIAS: Ja.4

Indem Gorgias der sokratischen Rhetorik-Definition zustimmt, wird sie ihm im Verlauf der kommenden Gesprächsdramaturgie zum Fallstrick.

Die Macht des Redners

arzt

Für Gorgias ist die Rhetorik eine mächtige Waffe. Wenn der Arzt nicht vermag zu einer bestimmten Behandlung zu überreden, dann schafft das der ausgebildete Redner. Der Redner findet mehr Glauben beim Publikum als der eigentlich Fachmann, der seine Expertise nicht kommunizieren kann. (Bildquelle: Pixabay)

Gorgias will Sokrates die Macht der Rede mit einem Beispiel demonstrieren:

„Einen auffallenden Beweis will ich dir hiervon geben. Nämlich: gar oft bin ich mit meinem Bruder oder anderen Ärzten zu einem Kranken hingegangen, der entweder keine Arznei nehmen oder den Arzt nicht wollte schneiden und brennen lassen, und da dieser ihn nicht überreden konnte, habe ich ihn doch überredet durch keine andere Kunst als die Redekunst.
Ja, ich behaupte, es möge in eine Stadt, wohin du willst, ein Redekünstler kommen und ein Arzt, und wenn sie vor der Gemeine oder sonst einer Versammlung redend durchfechten müßten, welcher von beiden zum Arzt gewählt werden sollte: so würde nirgends an den Arzt gedacht werden, sondern der zu reden versteht, würde gewählt werden, wenn er wollte. Ebenso im Streit gegen jeden anderen Sachverständigen würde der Redner eher als irgendeiner überreden, ihn  selbst zu wählen, denn es gibt nichts, worüber nicht ein Redner überredender spräche als irgendein Sachverständiger vor dem Volke. Die Kraft dieser Kunst ist also in der Tat eine solche und so große.“5

Gorgias im Selbstwiderspruch

Kann der Redner zu etwas überreden, ohne zu wissen, was tatsächlich das Gute, das Gesunde, das Wahre und das Schöne ist? Hier tut sich ein Widerspruch auf. Eben hatte Gorgias noch der sophististischen Rhetorik-Definition zugestimmt, welche die Rhetorik als Meisterin in einer Glauben machenden, nicht in einer belehrenden Überredung in Bezug auf Gerechtes und Ungerechtes verstanden hatte.6 Mit dem Beispiel vom Arzt behauptet Gorgias nun, der Redner könne überreden, ohne um das Gute zu wissen. Diesen Widerspruch deckt Sokrates suffisant und hartnäckig auf:

SOKRATES: Halt! denn das ist vortrefflich gesagt. Wenn du einen zum Redner machen sollst, muß er notwendig wissen, was gerecht ist und ungerecht, es sei nun zuvor schon oder erst, nachdem er es von dir gelernt?
GORGIAS: Allerdings.
SOKRATES: Wie nun? Wer die Baukunst gelernt hat, ist der ein Baumeister oder nicht?
GORGIAS: Ja.
SOKRATES: Und wer die Tonkunst ein Tonkünstler?
GORGIAS: Ja.

[…]

SOKRATES: Also notwendig, daß der Redekünstler gerecht ist und der Gerechte gerecht handelt?
GORGIAS: So zeigt es sich ja.

[…]

SOKRATES: Ich nun, als du dies damals sagtest, verstand dich so, die Redekunst könne niemals etwas Ungerechtes sein, da ja immer ihre Reden von der Gerechtigkeit handeln […]
[So] ist wiederum festgestellt worden, daß unmöglich sei, der Redner könne die Redekunst ungerecht gebrauchen oder unrecht tun wollen.7

Sokrates hat den Meister der sophistischen Rhetorik im Selbstwiderspruch ertappt! Nun wird das Gespräch von Gorgias‘ Schülern Pollos und Kallikles weitergeführt – in der ihr eigenen Schärfe. Vor allem Pollos versucht den Ausfall des Meisters zu erklären. Sokrates habe sich geschämt, den eignen Selbstwiderspruch zuzugeben. Denn ein Redner müsse vor allem eins sein: schamlos. Die selbst geforderte Schamlosigkeit kann aber auch Pollos nicht durchhalten. Einzig Kallikles beweist sich als schamloser Redner im Disput mit Sokrates.

Philosophie mit Sokrates und Platon - hortus-deliciarum

Ausschnitt aus einer Abbildung, die im „Hortus Deliciarum“, einem mittelalterlichen Lexikon, enthalten ist. Die vollständige Darstellung zeigt die Philosophie inmitten der sieben freien Künste. Sokrates und Platon stehen exemplarisch für die antike Philosophie. Diese Darstellung von Herrad von Landsberg stammt aus dem Jahr 1180. (Bildquelle: Wikimedia Commons)

Die Frucht der Philosophie

Sokrates deckt die Selbstwidersprüche der Sophisten auf. Er zeigt, dass die sophistischen Redner nicht in Übereinstimmung mit sich selbst und dem logos leben. Für Sokrates und Platon ist die Einheit von Reden und Leben eine Frucht der Philosophie.

Platon stellt Rhetorik in die Dienstbotschaft der Philosophie

Platon stellt im „Gorgias“ keineswegs die Rhetorik unter einen Generalverdacht. Auch verwirft er die Rhetorik nicht, wie in der Rezeptionsgeschichte oft behauptet wurde. Platon betreibt  keine Demontage der Rhetorik, sondern stellt sie in die Dienstbotschaft der Philosophie. Ein Ansatz, in dem ihm wenige Zeit später Aristoteles folgt. Seine „Rhetorik“ versucht sophistische und philosophische Elemente miteinander zu versöhnen.


Der gesamte Text des Gorgias kann online nachgelesen werden.


 

  1. Platon, Sämtliche Werke, Gorgias, Online unter: http://www.handl.net/texte/Gorgias.pdf, S.1.
  2. Ebd.
  3. Ebd, S.4.
  4. Ebd, S.4.
  5. Ebd, S.7.
  6. Vgl. ebd., S.4
  7. Vgl. ebd., S.9