Rhetorik-Zeitreise (4): Rhetorik und Philosophie

Die Rhetorik bekommt in der Antike Konkurrenz von der Philosophie. Lautstark bekämpft vor allem Platon das sophistische Rhetorik-Konzept. Der Vorwurf, Platon sei für das Auseinanderdriften der beiden Disziplinen verantwortlich, greift jedoch zu kurz. Ein Entlastungsversuch.

Ein antiker Bildungs-Kampf

Die Sophisten gelten gemeinhin als Erfinder der Rhetorik. Im fünften Jahrhundert lösten sie die homerische Dichtung als Bildungsgarant ab. Vor allem Sokrates und Platon sind mit dem Namen einer neuen Disziplin verbunden, die sich anschickt, fortan ein noch anderes Bildungskonzept zu verfolgen: das Philosophische. Vor allem Platon entwickelt daher die Philosophie als Gegenentwurf zur Dichtung Homers und der Rhetorik der Sophisten.

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Homer als „Lehrer Griechenlands“ in einer Ölgemälde-Darstellung von Jean-Baptiste Auguste Leloir (1809–1892) aus dem Jahr 1841. Homer gilt als frühster Dichter des Abendlandes. Seine Werke „Ilias“ und die „Odyssee“ gehörten zum Bildungskanon der Antike. Die alte Bildung wird im fünften Jahrhundert vor Christus durch den aufbrechenden Sophismus überformt. (Bildquelle: Wikimedia Commons)

Darf Bildung Geld kosten?

Die Sophisten vertraten eine relativistische Weltsicht und bestritten die Existenz einer objektiven Wahrheit. Wissen bestand für sie ausschließlich in der menschlichen Wahrnehmung. Prominente Vertreter des Sophismus waren Gorgias, der Autor der Helena-Rede und Protagoras. Protagoras formulierte die Formel, welche für die Anschaung der sophistischen Bewegung charakteristisch scheint: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge“.

Da für den Sophisten alles realativ ist, braucht es Überredungskunst, Rhetorik. Denn der Mensch weiß von sich aus nicht, was das Gute oder das Gerechte ist. Daher braucht es zumindest Überredung zum Guten oder zur Gerechtigkeit. Bei einem Sophisten in die Rhetorik-Schule zu gehen, konnte sich freilich nicht jeder leisten. Denn die Sophisten ließen sich ihren Unterricht teuer bezahlen.

Philosophie ist für Platon Hebammen-Kunst.

Philosophie ist für Platon mit Hebammen-Kunst vergleichbar. (Bildquelle: Pixabay)

Philosophie als Hebammen-Kunst

Eine Praxis, die Platon rigoros als fragwürdig kritisiert. Für Platon ist klar: Wahres Wissen ist nicht mit Geld zu bezahlen, denn Wissen kommt aus dem Menschen selbst; jeder Mensch bringt sein eigenes Wissen hervor. Philosophie kann daher im platonischen Verständnis mit der Kunst einer Hebamme verglichen werden. Der Philosoph, der Lehrer, hilft bei der „Geburt des Wissens“ aus sich selbst. Diese gegensätzlichen Erkenntnistheorien prägen den Konflikt zwischen Sophismus und Philosophie.

Platon bekämpft die Sophisten – mit Rhetorik

Platon bekämpft wie kaum ein anderer das sophistische Rhetorik-Konzept. Es fällt jedoch auf, dass seine Schriften selbst große rhetorische Stilblüten treiben, reich an Sprachbildern und Metaphern und insgesamt rhetorisch brilliant durchdacht und gegliedert sind. Bekämpft Platon die sophistische Rhetorik mit den Methoden des Sophismus? So mancher hat Platon vorgeworfen, er befinde sich hier in einem „performativen Selbstwiderspruch“.

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Platon (links) im Disput mit Aristoteles. Ausschnitt aus dem Raffael-Fresko „Die Schule von Athen“ aus dem Jahr 1511. Beide haben die Rhetorikgeschichte nachhaltig geprägt und vertraten unterschiedliche Rhetorik-Konzepte. (Bildquelle: Wikimedia Commons)

Tatsächlich geht es Platon aber um etwas anders. Platon will raffiniert (selbst)ironisch die Rhetorik vom Kopf auf die Füße stellen und ihr eine neue Richtung geben.

Den Sophisten die Rhetorik entreißen

Platon will den Sophisten die Rhetorik entreißen und einen Gegenentwurf präsentieren: die philosophische Rhetorik. Er will die Liebhaber der sophistischen Überredungskunst zur Philosophie bekehren. Denn natürlich gibt es Nähe zwischen beiden: Dem Sophismus und der Philosophie geht es um den logos. Denn wer den logos hat, besitzt Macht. Wenn sich die sophistische Rhetorik aber in der Frage nach der Macht erschöpft, führt sie laut Platon in die Unfreiheit. Mehr dazu an der fünften Station der Rhetorik-Zeitreise.