„Die Rhetorik wurzelt in der Demokratie“ – Professor Niehues-Pröbsting im Gespräch (1)

Im Interview zur Rhetorik-Zeitreise spricht Professor Heinrich Niehues-Pröbsting (Erfurt) über die Geschichte der Rhetorik – von der Antike bis in die Gegenwart. Im ersten der vier Teile lesen Sie unter anderem, wo die Rhetorik entstanden ist und wie man sich antike Rhetorik-Seminare vorstellen kann.

Reden gehört zur menschenlichen Grundausstattung“

Herr Professor Niehues-Pröbsting, Sie waren lange Jahre Professor für Geschichte der Philosophie in Erfurt und haben sich intensiv mit der Geschichte der Rhetorik-Philosophie beschäftigt. Zweitausendvierhundert Jahre reicht die Rhetorik-Geschichte zurück. Rhetorik, so heißt es, ist auf der Insel Sizilien entstanden. Warum dort und unter welchen Umständen? 

So erzählt es zumindest die Entstehungslegende. Es wird berichtet – aber das ist nicht vollkommen gesichert -, dass die Rhetorik aus den Folgen politischer Umwälzungen entstanden sei. Es kam zu einer Prozesslawine, bei der es vor allem um Landbesitz-Streitigkeiten ging, und in diesen Prozessen waren rhetorische Fähigkeiten gefragt. Im Allgemeinen bringt man die Entstehung der Rhetorik mit dem Aufkommen der Demokratie in Verbindung. Die Demokratie stützt die Macht nicht auf Waffen und nicht – wie die Tyrannis – auf ein Heer, sondern in der Demokratie muss Macht mit dem Wort errungen und mit dem Wort verteidigt werden. Es gibt einen Bedarf an geschulten Rednern. Es kommt aber noch etwas Anderes hinzu. Wir alle sind gleichsam von Hause von aus Rhetoriker und rhetorisch; denn das Reden und Überreden ist dem Menschen von Natur aus gegeben und gehört zu seiner natürlichen Ausstattung.

In der Demokratie wird Macht mit dem Wort errungen. Nur wer in politischen Auseinandersetzungen überzeugt, wird gewählt. (Bildquelle: Pixabay)

Wir können in der griechischen Literatur schon bei Homer beobachten, dass regelrechte Reden gehalten werden. Aber es werden nicht nur Reden gehalten, sondern es werden auch die Bedingungen des Redens und zumal des erfolgreichen Redens reflektiert. Was macht das Reden erfolgreich? Kann man erfolgreiches Reden lernen? Gibt es Situationen, in denen einem nichts anderes übrigbleibt als zu reden? Wie muss ich reden, um einen Mächtigen mir günstig zu stimmen? Wie muss ich jemanden ansprechen? All diese Situationen sind in der griechischen Literatur angelegt, im Epos, im Drama, in der Tragödie. In den späten Tragödien kann man den Einfluss des ersten Rhetorikunterrichts sehen; dann auch bei Aristophanes, wo Sokrates als ein Lehrer der Rhetorik dargestellt und satirisch karikiert wird.

Die Macht der Rede einsetzen: Der erste Rhetorik-Unterricht

Als Erfinder der Rhetorik gelten die Sophisten. Wer waren die Sophisten? 

Sie waren die Begründer der Rhetorik als einer regelrechten Disziplin, so nenne ich das. Denn rhetorisch veranlagte Reden hat es, wie gesagt, schon vorher gegeben. Aber die Sophisten machen aus dieser menschlichen Grundfähigkeit eine Disziplin, in der das Reden optimiert wird. Die Sophisten versprechen, durch die Optimierung des Redens das Leben selber erfolgreich zu machen. Die Rhetorik wird in der Demokratie notwendig, um ein Minimum an bürgerlicher Selbsterhaltung zu sichern. Man denke dabei an die vielen Prozesse in Athen; der Prozess des Sokrates ist nur das prominenteste Beispiel. Jeder kann damals in die Lage kommen, sich vor Gericht verteidigen zu müssen – und sei es wegen falscher Anklagen. Also das Minimum an bürgerlicher Existenz erfordert Redegeschicktheit. Und dann gibt es darüber hinaus das Maximum: Auch die äußerste Macht wird in der Demokratie durch das Reden errungen.

Wie kann man sich den praktischen Rhetorikunterricht der Sophisten vorstellen?

Einer der berühmtesten Redenschreiber (Logograph) der Antike: Lysias. Er verfasste unter anderem eine Verteidigungsrede für Sokrates, die dieser aber ablehnte. In der Antike war es üblich, dass ein Redenschreiber einem Angeklagten eine Verteidigungsrede schrieb. Musterreden von solchen Textern waren auch Grundlage des Rhetorik-Unterrichts. (Bildquelle: Wikimedia Commons)

Der bestand zunächst im Auswendiglernen von Musterreden und Redeteilen. Sehr schön wird das im platonischen Dialog Phaidros dargestellt: Redenschreiber, die die Musterreden verfassten, gingen sie mit den Schülern durch und ließen sie von ihnen auswendig lernen. So hat es noch Isokrates gemacht, der ebenfalls wohl seine eigenen Reden zugrunde gelegt hat. Daraus entwickelte sich dann allmählich die Lehre von den Redeteilen: Wie eröffnet man eine Rede, worin besteht der Hauptteil, wie beschließt man eine Rede. Ferner: welche Formeln setzt man ein, um gewisse Affekte vor Gericht zu erregen? Aristoteles perfektioniert diese Ansätze zur vollkommenen theoretischen Durchdringung der Rhetorik und der rhetorischen Situation – die beste Theorie der Rhetorik überhaupt. Da kommt es nicht mehr darauf an, einzelne Reden zu vermitteln; Aristoteles verspricht auch nicht, wie das die Sophisten noch getan haben, den Schüler hundertprozentig rhetorisch geschickt zu machen. Die Auffassung von Rhetorik, die er vertritt, ist eine rein theoretische. Für ihn ist Rhetorik die Kunstfertigkeit, zu sehen und heraus zu arbeiten, was in jeder Sache, das Glaubwürdige in Bezug auf die Sache und den Sachverhalt ist.

Wer darf Wen (zum Reden) erziehen?

In der Antike besteht ein Konflikt zwischen der sophistischen Rhetorik und der Philosophie. In welchem Verhältnis standen Philosophie und Rhetorik damals und woran entzündete sich der Streit zwischen den Disziplinen?  

Beide konkurrieren um die Erziehung der heranwachsenden jungen Männer. Beide verstehen sich als Lehrer zur Tugend – im umfassenden antiken Sinne der bürgerlichen Ertüchtigung. Diesen Anspruch formuliert der Sophist Protagoras explizit in dem Dialog, den Platon nach ihm benannt hat. Daneben gab es auch Vertreter einer amoralischen Rhetorik, die die rhetorische Geschicklichkeit rein als Machtmittel begriffen. Aber im Grunde genommen waren Protagoras oder Gorgias sophistische Lehrer, die zur politischen Qualifikation der Bürger beitragen wollten. Und dazu gehörte eben die Redefähigkeit.

Der Konflikt mit der Philosophie ergibt sich aus folgendem: Beide erheben den Anspruch, den logos zu beherrschen, zu wissen und zu lehren, wie der logos, das Reden, die Rede am besten gehandhabt wird. Der Konflikt, so wie ihn Platon darstellt und auf die Spitze treibt, besteht nun darin, dass nach Platon das richtige Reden und das richtige Handeln sich am Guten orientieren müssen, am Wissen des Guten. Eben dieses Wissen des Guten wird von den Sophisten bestritten. Für die Sophisten, auch später für Isokrates, orientiert sich die Rhetorik nicht am Wissen, sondern an der Meinung. Rhetorisch erfolgreich ist der, der erfolgreiche Meinungen präsentiert. Um des Erfolges willen soll der Redner an Meinungen anknüpfen, die im Publikum verbreitet sind; so wird er am wirksamsten darauf Einfluss nehmen. Meinungen sind das Element der sophistischen Rhetorik schlechthin, ihr Ausgangspunkt und ihr Ziel.

Homer als „Lehrer Griechenlands“ in einer Ölgemälde-Darstellung von Jean-Baptiste Auguste Leloir (1809–1892) aus dem Jahr 1841. Homer gilt als frühster Dichter des Abendlandes. Seine Werke „Ilias“ und die „Odyssee“ gehörten zum Bildungskanon der Antike. Die alte Bildung wird im fünften Jahrhundert vor Christus durch den aufbrechenden Sophismus überformt. (Bildquelle: Wikimedia Commons)

Philosophie ohne Rhetorik?!

Inwieweit ist denn das Urteil zutreffend, Platon sei rhetorikfeindlich? 

Rhetorikfeindlich nur, wenn es um die sophistische Rhetorik geht. Platons Kampf gegen die sophistische Rhetorik ist ein Kampf um die Rhetorik. Es verhält sich damit ähnlich wie mit Platons Kritik der Dichtung, der Kritik an Homer. Die berühmte Dichterkritik im 10. Buch des „Staates“ resultiert daraus, dass Platon die Erziehungsfunktion der Dichtung in Frage stellt. Im antiken Griechenland waren die Dichter, allen voran Homer und Hesiod, die Lehrer des Volkes. Von den Dichtern erfuhr man, was es mit Gott und der Welt und den Menschen auf sich hat; Wissen über Gott und die Welt bezogen die Griechen von ihren Dichtern. Nun gerät diese Dichtung in den Verdacht der Lüge. Die Philosophie entwickelt sich zum großen Teil aus der Kritik an der Dichtung. Die Philosophie will die Funktion der Dichtung, Lehrer Griechenlands zu sein, übernehmen. Aber eben dies wollen auch die Sophisten, auch sie wollen die Lehrer Griechenlands sein. Sie treten auf als die ersten professionellen Lehrer eines höheren Unterrichts. So entsteht eine Konkurrenzsituation. Es gibt unter den Sokratikern manche, bei denen dieser Konflikt zwischen Rhetorik und Philosophie bei weitem nicht so ausgeprägt ist wie bei Platon. Sie bilden eine Zwischenstufe zwischen Sophistik und Philosophie. Mit Platon tritt die Philosophie entschieden in Opposition zur Sophistik und zur sophistischen Rhetorik, was zur Begründung einer philosophischen Rhetorik führt.

Wo steht Isokrates in diesem Konflikt? Er schreibt ja gegen die Sophisten, steht aber auch mit Platon und seiner Schule in Konkurrenz?

Der antike Rhetorik-Lehrer Isokrates (436-338 v. Chr.). Von ihm sind 21 Reden und 9 Briefe überliefert. (Bildquelle: Wikimedia Commons)

Im Großen und Ganzen wird man sagen müssen, dass Isokrates der sophistischen Konzeption nähersteht als der platonischen, obwohl er seine Rhetorik auch Philosophie nennt. Was er an den älteren Sophisten tadelt, ist unter anderem das zu große Versprechen, jeden zu einem perfekten Redner machen zu können. Nach seiner Auffassung gehört zu einem guten Redner außer dem – rhetorischen – Wissen und der Übung vor allem die natürliche Veranlagung. Gegen sie kann man niemanden zu einem perfekten Redner bilden; wohl kann man, so Isokrates, jeden – auch den schlecht veranlagten – immerhin noch besser machen. Dann vertritt Isokrates nicht den Amoralismus, den wir bei manchen Vertretern der sophistischen Rhetorik beobachten können und den Platon im „Gorgias“ als den Kern der sophistischen Rhetorik entdeckt. Für ihn ist das Bekenntnis zu Moral und Gerechtigkeit bei Gorgias nur die nette Fassade, hinter der sich eine rein amoralische Machtposition verbirgt. Er nimmt dem Sophisten das Bekenntnis zu einer moralisch gerechten Rhetorik nicht ab. Wenn die Rhetorik sich nicht am Guten und am Wissen des Guten orientiert, dann besteht für ihn immer die Gefahr des Rückfalls in bloße Machtausübung, in die Tyrannis.

Worum geht es beim platonischen Konzept der philosophischen Rhetorik? Geht es dann um eine Überredung zum Wissen? 

Die gewöhnliche Auffassung ist, Platon dulde Rhetorik, wenn überhaupt, nur in der subalternen Funktion, vorhandenes Wissen möglichst effektiv an den Mann zu bringen oder in politische Praxis umzusetzen. Dabei zeigt jeder beliebige platonische Dialog, dass auf dem Weg zum Wissen auf Rhetorik nicht verzichtet werden kann. Etwa wenn der logos – wie im „Phaidon“ der Beweis für die Unsterblichkeit der Seele – in eine Krise gerät; dann bedarf es der ermutigenden Zurede, nicht am logos zu verzweifeln, sondern weiter auf ihn zu vertrauen. Und da, wo der logos am Ende ist, aber noch Fragen bleiben, kann der Mythos einspringen wie am Ende des „Gorgias“, wo Sokrates sagt, er habe sich von dem Totengerichtsmythos „überreden“ bzw. „überzeugen“ (peithestai) lassen. Die Vorstellung, die Philosophie hätte mit dem Mythos und damit auch mit der pistis, dem Glauben an den Mythos, restlos aufgeräumt und hätte den Mythos durch den logos ersetzt, ist eine Illusion. Wie vor allem die Schlussmythen der platonischen Dialoge zeigen, kann die Philosophie auf den Mythos und seine rhetorische Potenz nicht verzichten.

Die vollkommenste Theorie der Rhetorik

Nun versucht Aristoteles sophistische und philosophische Rhetorik zusammenzudenken. Woran knüpft Aristoteles an?

Aristoteles, in einer Darstellung von Francesco Hayez (1791-1882). Aristoteles entwickelte eine umfassende Theorie der Rhetorik. (Bildquelle: Wikimedia Commons)

Aristoteles knüpft auf der einen Seite an Platon an und übernimmt das Konzept einer philosophisch begründeten Rhetorik. Wichtig für diesen Zusammenhang ist, das bisher ungeklärte Verhältnis der aristotelischen Rhetorik zu demjenigen Dialog zu klären, in dem Platon die Grundzüge einer philosophischen Rhetorik skizziert. Das ist der „Phaidros“. Aber Aristoteles knüpft auch an Isokrates und die sophistische Konzeption der Rhetorik an. Wahrscheinlich rein aus pragmatischen Gründen. Er lehrte in Platons Schule Rhetorik; seine ersten Veranstaltungen waren Rhetorik-Vorlesungen. Er hat sie sein Leben lang durchgehalten, nicht zuletzt, um Isokrates und der sophistischen Rhetorik Paroli zu bieten. Dabei musste er sich auf Grundzüge der sophistischen Rhetorik einlassen. Zum Beispiel auf die drei Formen öffentlicher Rede. Bei Platon ist die Konzeption der Rhetorik viel weiter gefasst. Platon hält jedes Gespräch, auch das private und auch auch das philosophische, für rhetorisch konstituiert. Die Überredung des begeisterten Schülers der sophistischen Rhetorik, des Phaidros, zur Philosophie, die Verführung zur Philosophie, ist ein rhetorischer Vorgang. So gehört eben zur Philosophie immer auch dieses: jemanden an die Philosophie heranzuführen und bei der Philosophie zu halten. Das wird, wie schon gesagt, außer im „Phaidros“ auch im „Phaidon“ gezeigt, wo die Argumente für die Unsterblichkeit der Seele nicht rein logisch vorgetragen werden; vielmehr muss da, wo die Argumentation Schwächen zeigt, Vertrauen in den logos erzeugt werden. Vertrauen ist ein pathos und das wiederum ist ein elementar rhetorisches Mittel, Vertrauen zu wecken und zu befestigen ist also eine genuin rhetorische Aufgabe. So ist philosophisches Reden bei Platon immer auch rhetorisch durchtränkt. Aber diese philosophische Rhetorik hat Aristoteles nicht mehr im Blick, sondern er hat die öffentliche Form der Rede als Gegenstand der Rhetorik im Sinne.

Rhetorik als Theorie der Überzeugungsmittel

Aristoteles Rhetorik-Theorie ist eine der Überzeugungsmittel. Da kennt er ethos, logos und das pathos. In welchem Verhältnis stehen diese drei Überzeugungsmittel? 

Eigene Darstellung.

Nach Aristoteles ist der Gegenstand der Rhetorik das Überzeugungsmittel, beziehungsweise die Überzeugungsmittel. Erst im dritten Buch der „Rhetorik“ beschäftigt er sich mit der sprachlichen Formulierung und der Disposition der Rede, also der Schritte, die in der späteren Rhetoriktheorie nach der inventio kommen. Das wichtigste ist das Auffinden der písteis, der Überzeugungsmittel, also dessen, was die Rede glaubwürdig macht. Da sagt Aristoteles, das sei zum einen die Sache selber beziehungsweise das, was für die Sache spricht, das Argument für eine bestimmte Sache, der logos. Aber dieser logos steht bei ihm im Zusammenhang mit ethos und pathos. Man kann sich einen logos ohne ethos und pathos vorstellen – den Sonderfall -, wo der logos allein aus sich heraus überzeugend ist. Das sind zum Beispiel mathematische Vorträge, in denen ein mathematischer Sachverhalt allein aus den Prämissen heraus bewiesen wird. Die Winkelsumme im Dreieck beträgt 180 Grad. Dieser Sachverhalt ist unabhängig davon, welcher Redner mit welchem ethos, mit welchem Charakter, den Beweis dazu führt oder in welcher Stimmung derjenige sich befindet, an den sich der mathematische Beweis richtet; ob er nun niedergedrückt ist oder euphorisch – das ist egal. Wenn er diesen Beweis nachvollziehen will, muss er sich allein durch die Argumentation überzeugen lassen. Aber das ist in den seltensten Fällen so. Nur da, wo wir schon über Wissen verfügen, können wir aus diesem Wissen den Zusammenhang mit anderem Wissen herstellen; aus evidenten Sätzen folgern wir ebenso gewisse. Im Bereich reinen Wissens, in einer idealen Wissenschaft, ist alles evident und logisch; da spielen ethos und pathos keine Rolle.

Wo etwas ungewiss ist, braucht es Rhetorik

Gegenstand von Beratungsreden sind die Dinge, die sich auch anders verhalten können. Über manche Dinge muss aber nicht beraten werden. Zum Beispiel, dass die Sonne jeden Tag zu einer bestimmten Uhrzeit aufgeht. (Bildquelle: Pixabay)

Aber da, wo nicht alles klar und logisch zwingend ist, wo Ungewissheit herrscht und über Ungewisses beraten wird, da kommen ethos und pathos ins Spiel. Da spielt es eine Rolle, wer für oder gegen eine Sache spricht, und zwar um so mehr, je ungewisser der Sachverhalt als solcher ist. Je mehr Zweifel bei einem Publikum in einer Angelegenheit bestehen, über die beraten wird, umso wichtiger ist die Autorität dessen, der für oder gegen eine bestimmte Entscheidung in der Sache spricht. Und je ungewisser die Sachlage ist, umso mehr spielen beim Publikum Stimmungen eine Rolle. Aristoteles führt dazu an: Wer einen Angeklagten liebt und Sympathien für ihn empfindet, ist eher bereit, ihn als unschuldig anzusehen, als derjenige, der ihn hasst. Und derjenige, der hofft, dass ein bestimmter Sachverhalt, über den man berät, eintreten wird, wird bereit sein, über diesen Sachverhalt zu beratschlagen – im Gegensatz zu dem, der sagt: „Die Sache ist sowieso entschieden. Darüber nachzudenken erübrigt sich.“ Denn wir beraten nur über solche Dinge, sagt Aristoteles, die sich auch anders verhalten können, die also nicht von vornherein feststehen und nicht durch den Ablauf der Naturgesetze festgelegt sind. Dass die Sonne in der Sommerzeit an einem bestimmten Tag um 04:30 Uhr aufgeht, das steht von vornherein fest. Darüber brauchen wir nicht zu beraten. Aber ob es besser ist, auf Windenergie oder auf Atomenergie zu setzen, das steht nicht von vornherein fest – das ist eine Angelegenheit, über die man beraten muss.

  • Im zweiten Teil des Rhetorik-Zeitreise-Interviews erfahren Sie welche Rolle die Rhetorik im römischen Reich spielte und was sich durch das Aufkommen des Christentums für die Rhetorik verändert hat. Klicken Sie hier.