Römische Rhetorik und christliches Zeitalter – Professor Niehues-Pröbsting im Gespräch (2)

Im zweiten Teil des Rhetorik-Zeitreise-Interviews erklärt Professor Heinrich Niehues-Pröbsting (Erfurt), welche Rolle die Rhetorik im römischen Reich spielte und was sich durch das Aufkommen des Christentums für die Rhetorik verändert hat.

Der römische Rhetoriker Cicero. Kopiezeichnung einer Büste aus London (Herzog Wellington), Bildquelle: Wikimedia Commons

Der vollkommende Redner …

Wenn wir ein Stück weitergehen in der Geschichte der Rhetorik, dann begegnet uns die Rhetorik der römischen Kultur. Da sind Cicero und Quintilian die prominenten Namen. Welche Rolle spielte Rhetorik im antiken Rom? 

Zunächst einmal ist die Rhetorik etwas, das die Römer von den Griechen übernommen haben. Nun gab es bei den Römern, die ursprünglich ein Bauernvolk und damit ein Volk der Praxis waren, große Ablehnung gegenüber den theoretischen Errungenschaften der Griechen, die als ein etwas leichtfüßiges Volk von theorieverliebten Spinnern galten, die über der Spekulation die Praxis vernachlässigten. Die Politikferne der griechischen Wissenschaft und der griechischen Theorie war den Römern verdächtig. Nun hatten auch die Römer nach der Vertreibung des letzten Königs die Republik eingeführt, die wie gesagt auf rhetorische Praxis angewiesen ist. Nicht zufällig erreicht diese Praxis ihren Höhepunkt bei der Verteidigung der Republik durch Cicero. Er war es auch, der zu der Praxis in Anlehnung an die Griechen die Theorie lieferte, die aber die Tiefe, die sie bei Aristoteles hatte, nicht mehr erreichte. Dennoch war die Rhetorik Ciceros wirkungsgeschichtlich außerordentlich bedeutsam.

… ist philosophisch gebildet

Die Plastik „Der Denker“ stellt Dante Alighieri dar, den italienischen Philosophen, der über die Welt und das Schicksal der Menschen nachsinnt. (Bildquelle: Pixabay)

Seine Rhetorikkonzeption ist vor allem an dem Paradigma des vollkommenen Redners orientiert. Was macht den vollkommenen Redner aus? Cicero fragt in erster Linie nicht nach den Überzeugungsmitteln, sondern ergeht sich in seinem rhetoriktheoretischen Hauptwerk De oratore in der Schilderung des vollkommenen Redners, der neben der praktischen Erfahrung philosophische Erkenntnisse besitzen muss. Der gute Redner muss bei Cicero eben auch ein kompetenter Mann in Sachen Philosophie sein. Er muss aber nicht selbst philosophisch forschen, sondern bezieht seine philosophischen Kenntnisse, wozu auch moralphilosophische, juristische und rechtstheoretische Kenntnisse gehören, von den bestehenden philosophischen Schulen. Es ist der Versuch einer Synthese zwischen Rhetorik und Philosophie. Cicero selber war der Meinung, dass der Streit zwischen Rhetorik und Philosophie überflüssig gewesen sei und kritisiert gerade die Sokratiker, die diesen Streit angestiftet haben. Er wirft Platon einen pragmatischen Selbstwiderspruch vor, indem er sagt, Platon, der die Rhetoren doch so wirkungsvoll bekämpft habe, sei selbst einer der geschicktesten und besten Rhetoren überhaupt gewesen. Ciceros Versuch, den Konflikt zwischen Philosophie und Rhetorik auszugleichen, hat schon nicht mehr das richtige Verständnis für die Notwendigkeit und die Unumgänglichkeit dieses Konfliktes bei Platon.

Dann kommt bei Cicero noch etwas hinzu: die starke Betonung des Stils, der elocutio. Was den Rhetoren am eigensten ist, was sie nicht mit der Philosophie teilen, das ist Sprachgebung und Sprachmächtigkeit. Da setzt eigentlich schon eine Konzentration der Rhetorik auf die Frage des Stils ein, die später in der Neuzeit zu einer Reduktion der Rhetorik auf die Figuren und die Sprachgebung führen wird.

Christlicher Glaube und ausgehölte Rhetorik

Nun kommt mit dem Christentum noch eine andere Bewegung auf und betreibt Rhetorik vor einen anderen Horizont. Was verändert sich denn mit dem Aufkommen des Christentums für die Rhetorik? 

Zunächst: Das Christentum entstand in einer Zeit, in der die zweite Sophistik blühte. Die zweite Sophistik favorisiert die Praxis der epideiktischen Rede, der Schaurede. Die politische Rede hat in der Kaiserzeit einen Teil ihrer Wirksamkeit eingebüßt, obwohl es mit dem Ende der Republik auf städtischer Eben für sie noch Möglichkeiten gibt; es bestehen noch Institutionen aus der Republik, die ihr einen gewissen Spielraum gewähren. Aber die große Zeit der politischen Rede ist mit dem Ende der Republik vorbei. Dass haben zeitgenössische Autoren wie Quintilian und Tacitus in hellsichtigen Analysen zum Niedergang der politischen Beredsamkeit diagnostiziert. Stattdessen blüht jetzt die epideiktische Rede. Wir können uns heute kaum mehr einen Begriff davonmachen, welch große Nachfrage nach solchen epideiktischen Reden und rhetorischen Festveranstaltungen bestand. Die großen Rhetoren waren die Stars der damaligen Zeit. Ihre Auftritte mobilisierten Massen. Es waren gesellschaftliche Ereignisse. Die rhetorische Erziehung, die jetzt vor allen Dingen zur epideiktischen Rede hin erzog, vermittelte eine immer feinere ästhetische Bildung im Hinblick auf den Stil und die Beurteilung des Stils. Rhetorik wurde so das Hauptelement der guten Bildung; aber sie entfernte sich damit auch vom alltäglichen Leben.

Im Mittelpunkt der christlichen Botschaft steht Jesus Christus als menschgewordener Gottessohn, der für die Sünden aller Menschen am Kreuz gestorben und wieder vom Tod auferstanden ist. Mit dem Christentum komme ein neuer Ernst in die Rhetorik, meint Philosophie-Professor Niehues-Pröbsting. (Bildquelle: Pixabay)

Die Christen und die christlichen Lehrer, die in solch rhetorischer Bildung erzogen wurden, bemerkten die Ausgehöhltheit dieser Rhetorik und hielten ihr den Ernst der christlichen Botschaft und ihrer Predigt entgegen. Es geht wieder um etwas! Zwar nicht mehr um die Politik und ihre Probleme, aber es geht um das Heil! Das heißt, es steht sogar mehr als zuvor auf dem Spiel. Früher ging es das irdische Leben, jetzt geht es um das Heil der Seele. Das ist das eine, der neue Inhalt.

Rhetorisch-christliche Kämpfe

Hinzu kommt ein Zweites. Als das Christentum anfängt sich zu etablieren, als es zunächst geduldet und dann Staatreligion wird, schießen die Häresien ins Kraut. Und jetzt werden die dogmatischen Differenzen rhetorisch ausgefochten. Wir haben kaum mehr eine Ahnung davon, wie viele Häresien es gab und wie heftig die Kämpfe zwischen den Lagern der Häresien und der orthodoxen Kirche waren; die wurden aber nicht immer nur rhetorisch ausgefochten, da wurde bisweilen auch die Grenze zur Gewalt überschritten! In diesen Kämpfen um den rechten Glauben bekam die Rhetorik eine neue aktuelle Bedeutung.

Mit der Bibel als Wort Gottes steht der Inhalt für die christliche Rhetorik als Predigt von vornherein fest. (Bildquelle: Pixabay)

Dann ist noch etwas Drittes wichtig, das man bei Augustinus in seiner Schrift De doctrina christiana erfährt. Den christlichen Rednern ist im Grunde der Inhalt vorgegeben: Das Wort Gottes. Das Wort Gottes steht fest, es steht in der Bibel. Also: der christliche Redner braucht nicht mehr, wie das der weltliche vorchristliche Redner tun musste, die Themen zu erfinden oder aufzufinden; die inventio, der erste Schritt beim Verfassen einer Rede, verliert an Bedeutung. Der Prediger greift stattdessen zurück auf die Grundlage der christlichen Lehre, die Bibel und dann auch auf die Dogmen und Lehren, die aus ihr abgeleitet wurden. Aber die Bibel ist nicht immer eindeutig, sie muss ausgelegt werden. Und so tritt denn für den christlichen Redner die Auslegung der Bibel, die Hermeneutik, an die Stelle der inventio der weltlichen vorchristlichen Rhetorik. Wo es in der inventio darum geht, Gründe für die Sache zu finden, die Sache auszumachen durch die Gründe, geht es nun darum, den Willen Gottes, der fest steht und in der Bibel niedergelegt ist, durch genaue Lektüre und Auslegung der Bibel präziser zu erkunden, um ihn dann in der Predigt verkündigen zu können.

In christlichen Gottesdiensten spielen Gesten eine wichtige Rolle. Das Bild zeigt, wie eine Hostie bei einer Abendmahlsfeier (Eucharistie) in die Höhe gehoben wird. (Bildquelle: Pixabay)

Rhetorik in Gottesdienst und Liturgie

Das Christentum hatte einen ungeheuren Einfluss auf die Gesellschaft des Mittelalters. Welche Rolle spielte Rhetorik im Alltag der Menschen und was veränderte sich mit der Reformation?

Das Wort Gottes wurde zunächst einfach gepredigt. Aber die christliche Praxis des Gottesdienstes, wie sie sich im Laufe der Zeit entwickelt hat, besteht nicht nur in der Lesung der Bibel und in der Predigt, sondern auch in der Liturgie, in rituellen Handlungen und der Feier des Sakramentes. Dann wurde nicht nur durch die Predigt, sondern auch durch Bilder verkündigt. Die Ausmalung der Kirchen mit den Motiven der christlichen Überlieferung, das war so eine Art gemalter Verkündigung. Aber auch diese Bilder wurden in den Kult einbezogen, und das umso mehr, je mehr die Heiligen dargestellt und in der Darstellung verehrt wurden. Gegen den Kult, mit dem manch abergläubische Vorstellung und Praxis verbunden waren – man denke etwa an die Reliquienverehrung – hat die Reformation wieder das Wort der Bibel und die Predigt zur Geltung gebracht. Die Stärkung des Wortes durch die Reformation führte auch zu einer neuen Bedeutung der Rhetorik. – Das ist eine ganz grobe Skizze. – Luthers Weggefährte Melanchthon hat eine sehr einflussreiche „Rhetorik“ verfasst, sicher die einflussreichste im Raum der Reformation für die damalige Zeit, bis weit ins 18. Jahrhundert hinein.


  • Im dritten Teil des Rhetorik-Zeitreise-Interviews erfahren Sie, welche Gründe zum Niedergang der Rhetorik im 18. Jahrhundert geführt haben und welchen Weg die Rhetorik im 20. Jahrhundert genommen hat.
  • Der dritte Teil des Gespräches mit Professor Heinrich Niehues-Pröbsting erscheint auf dieser Seite am Sonntag, 28. Mai 2017, 12 Uhr.