So geschickt verteidigte sich Luther vor Kaiser und Fürsten auf dem Reichstag in Worms

Das Bild zeigt das Denkmal von Martin Luther vor der wiederaufgebauten Dresdner Frauenkirche. In der Hand hält er die Heilige Schrift. Der von der katholischen Kirche als Ketzer verfolgte Reformator, beruft sich in seiner Verteidigungsrede auf die Heilige Schrift. Auf deren Grundlage sollen ihn die kirchlichen Ankläger des Irrtums überführen. (Bildquelle: Pixabay)

Martin Luther war nicht nur Mönch und Reformator der Kirche. Er verstand auch etwas von Rhetorik und öffentlicher Rede. Das beweist auch die Rede, mit der er sich von Kaiser und Fürsten auf dem Reichstag zu Worms verteidigte.

Was Luther ins Rollen brachte … 

2017 jährt sich zum 500. Mal die Veröffentlichung von Martin Luthers 95 Thesen. Darin kritisierte der Reformator vor allem die Ablasspraxis der katholischen Kirche des Mittelalters. Die mit Luther ins Rollen kommende reformatorische Bewegung veränderte die Welt und hatte großen Einfluss auf die Entstehung der Moderne. Zu Luthers Zeit stand die Rhetorik hoch im Kurs. Und so verwundert es nicht, dass Luther sowohl mit der antiken, als auch mit der Rhetorik-Lehre seiner Zeit vertraut war. Während seiner universitären Laufbahn studierte Luther insbesondere die Schriften des römischen Rhetorik-Lehrers Quintilian.1

18. April 1521. Der mit dem Kirchenbann belegte Martin Luther muss sich öffentlich vor Kaiser und Fürsten verteidigen. Wie wird sich Luther erklären? Was wird er sagen? Wird er seine Thesen widerrufen? Nach einem Tag Bedenkzeit hält Luther schließlich eine bemerkenswerte Verteidigungsrede.2

Anrede und Adressaten

Allergnädigster Herr und Kaiser!

Durchlauchtigste Fürsten! Gnädigste Herrn!

Luther adressiert genau die Zuhörer seiner Rede. Er richtet seine Worte an Kaiser Karl V. und an die deutschen Fürsten. Interessant ist hierbei, dass er die anwesenden Kirchenvertreter nicht explizit begrüßt, sondern nur mit der allgemeinen Formel „Gnädigste Herrn“ angesprichst. Schon hier kann der Redner etwas von Luther lernen: Ein gute Rede sollte auf ihre Zielgruppe bzw. ihre Adressaten abgestimmt sein.

Luther-Rhetorik: Demütig anfangen

Ich erscheine gehorsam zu dem Zeitpunkt, der mir gestern abend bestimmt worden ist, und bitte die allergnädigste Majestät und die durchlauchtigsten Fürsten und Herren um Gottes Barmherzigkeit wollen, sie möchten meine Sache, die, hoffe ich, gerecht und wahrhaftig ist, in Gnaden anhören. Und wenn ich aus Unkenntnis irgend jemand nicht in der richtigen Form anreden sollte oder sonst in irgendeiner Weise gegen höfischen Brauch und Benehmen verstoßen sollte, so bitte ich, mir dies freundlich zu verzeihen; denn ich bin nicht bei Hofe, sondern im engen mönchischen Winkel aufgewachsen und kann von mir nur dies sagen, daß ich bis auf diesen Tag mit meinen Lehren und Schriften einzig Gottes Ruhm und die redliche Unterweisung der Christen einfältigen Herzens erstrebt habe.

Luther präsentiert sich als demütiger Untertan des Kaisers, indem er daran erinnert, dass er, wie von dem Kaiser erwartet, erschienen sei. Luther spricht an dieser Stelle etwas eigentlich selbstverständliches aus. Offenbar hat diese Aussage das Ziel, die anwesenden hohen Herren gnädig zu stimmen. Außerdem erreicht er damit, dass sein Wunsch, ihn gerecht und wahrhaftig in Gnaden anzuhören, in seiner Wirkung nicht als Anmaßung verstanden wird. Abschließend setzt Luther erneut eine Demutsformel ein, in der er vorauseilend darum bittet, ihm etwaige Verstöße gegen die höfische Etikette nachzusehen.

Es scheint so, als umrahme Luther zu Beginn seiner Rede seine eigentliche Aussage mit demütig klingenden Formulierungen – vielleicht um die Gunst seiner Zuhörer zu gewinnen. Weiterhin ist interessant zu beobachten, dass Luther hier bereits die politischen Implikationen seiner Rolle als Reformator für die deutsche Kirche gänzlich abschwächt und herunterspielt. Er präsentiert sich vor Kaiser und Fürst als einfacher Mönch, der in seinem Gewissen ganz im Wort Gottes gefangen ist. Er vermeidet damit, sich selbst den Anschein zu geben, er sei ein Mann der Politik. Es ist ganz sicher eine geschickte Strategie, Vorwürfe gegen die eigene Person demonstrativ mit Demut und Bescheidenheit zu kontern.

Dieser kolorierte Holzschnitt aus dem Jahr 1557 zeigt Luther auf dem Reichstag zu Worms. Die Bildaufschrift „Intitulentur libri“ bedeutet: „Die Bücher sollen bei ihren Titeln genannt werden“ und bezieht sich offenbar auf die Schriften, deren Inhalt Luther widerrufen sollte (unter anderem die Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“). Darunter stehen die berühmt gewordenen, aber nicht von Luther gesprochenen Worte: „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen.“ (Bildquelle: Wikimedia Commons)

Spannung erzeugen

Allergnädigster Kaiser, durchlauchtigste Fürsten! Mir waren gestern durch Eure allergnädigste Majestät zwei Fragen vorgelegt worden, nämlich, ob ich die genannten, unter meinem Namen veröffentlichten Bücher als meine Bücher anerkennen wollte, und ob ich dabei bleiben wollte, sie zu verteidigen, oder bereit sei, sie zu widerrufen. Zu dem ersten Punkt habe ich sofort eine unverhohlene Antwort gegeben, zu der ich noch stehe und in Ewigkeit stehen werde: Es sind meine Bücher, die ich selbst unter meinem Namen veröffentlicht habe, vorausgesetzt, daß die Tücke meiner Feinde oder eine unzeitige Klugheit darin nicht etwa nachträglich etwas geändert oder fälschlich gestrichen hat. Denn ich erkenne schlechterdings nur das an, was allein mein eigen und von mir allein geschrieben ist, aber keine weisen Auslegungen von anderer Seite.

Luther bezieht sich in diesem Abschnitt auf die beiden von ihm in der Rede zu beantwortenden Fragen. Erstens, ob die vorliegenden Schriften aus seiner Feder stammen und zweitens, ob er sie verteidigen oder widerrufen wolle. Luther gibt an, die erste Frage direkt beantworten zu wollen. Auch in dieser Ankündigung steckt ein rhetorischer Kniff: Indem er explizit darauf hinweist, dass er die Frage „unverholen“ beantworten werde und dazu auch in Ewigkeit stehen werde, erzeugt er beim Zuhörer Spannung. Wir wissen zwar nicht, wie Luther den Text seiner Rede auf dem Reichstag vortragen und intoniert hat. Aber vielleicht hat Luther durch den gezielten Einsatz von Pausen an dieser Stelle ganz bewusst darauf gesetzt, dass er mit der Ankündigung einer wahrhaft spektakulären Position seiner darauf folgenden Aussage eine besonders hohe Wirkung verschafft.

Die Antwort fällt dann tatsächlich klar und eindeutig aus: Luther steht zu seinen Schriften und proklamiert auch nur, dass anerkennen zu wollen, was von ihm allein verfasst worden ist. Luther bringt damit seine wichtigste Botschaft schon am Anfang der Verteidigungsrede zum Tragen: „Hier stehe ich – und kann nicht anders!“ Das können auch Redner heute noch von Luther lernen: Ein klarer Standpunkt, eine klare Positionierung ist besser als eine verklausuliert oder kleinlaut vorgetragene Haltung.

Das „So-einfach-ist-es-nicht“-Argument

Hinsichtlich der zweiten Frage bitte ich aber Euer allergnädigste Majestät und fürstliche Gnaden dies beachten zu wollen, daß meine Bücher nicht alle den gleichen Charakter tragen.

In Bezug auf die zweite Frage weicht Luther zunächst einer direkten Antwort aus, indem er darauf verweist, dass die Sache eben nicht so einfach sei. Er könne nicht einfach alles Geschriebene widerrufen, weil seine Schriften sehr unterschiedlich seien.

Das Ausweichen vor einer direkten Antwort mit dem Verweis auf die höhere Komplexität eines Sachverhaltes ist bis heute eine Methode in der Schlagfertigkeit, um kritischen Fragen souverän zu begegnen.

Die Macht von Fragetechniken

Die erste Gruppe umfaßt die Schriften, in denen ich über den rechten Glauben und rechtes Leben so schlicht und evangelisch gehandelt habe, daß sogar meine Gegner zugeben müssen, sie seien nützlich, ungefährlich und durchaus lesenswert für einen Christen. Ja, auch die Bulle erklärt ihrer wilden Gegnerschaft zum Trotz einige meiner Bücher für unschädlich, obschon sie sie dann in einem abenteuerlichen Urteil dennoch verdammt. Wollte ich also anfangen, diese Bücher zu widerrufen – wohin, frag ich, sollte das führen? Ich wäre dann der einzige Sterbliche, der eine Wahrheit verdammte, die Freund und Feind gleichermaßen bekennen, der einzige, der sich gegen das einmütige Bekenntnis aller Welt stellen würde!

Martin Luther als Mönch um 1520 in einer Darstellung von Lucas Cranach dem Älteren. (Bildqelle: Marie-Lan Nguyen (2012) für Wikimedia Commons)

Luther verweist darauf, dass die erste Gruppe seiner Schriften bloße Glaubensschriften seien, die selbst von seinen Gegnern als nützlich anerkannt würden. Er bezieht sich sogar auf die päpstliche Bulle, die offenbar einige seiner Schriften für unschädlich erklärt hatte.

Luther nutzt hier die rhetorische Kraft von Fragetechniken aus, um die Forderung des Widerrufs als widersinnig an die Obrigkeit zurückzuspiegeln. Ein solcher Widerruf würde letztlich dazu führen, sich als Persönlichkeit und Autor selbst gänzlich zu diskreditieren. So fragt er: Wohin sollte das führen? Bewusst beantwortet Luther diese Frage auch, um die Absuridität einer solchen Forderung gänzlich zu verdeutlichen: Er wäre dann der einzige Mensch, der nicht konsequent genug sei, zu einer Position zu stehen, die selbst einmütig von Freund und Feind für richtig befinden werde. Luther stärkt mit dieser Argumentation vor allem seine eigene Integrität vor Gericht und verschafft sich und seiner Botschaft Glaubwürdigkeit.

Das „Jedermann-sieht es so“-Argument

Die zweite Gruppe greift das Papsttum und die Taten seiner Anhänger an, weil ihre Lehren und ihr schlechtes Beispiel die ganze Christenheit sowohl geistlich wie leiblich verstört hat. Das kann niemand leugnen oder übersehen wollen. Denn jedermann macht die Erfahrung, und die allgemeine Unzufriedenheit kann es bezeugen, daß päpstliche Gesetze und Menschenlehren die Gewissen der Gläubigen aufs jämmerlichste verstrickt, beschwert und gequält haben, daß aber die unglaubliche Tyrannei auch Hab und Gut verschlungen hat und fort und fort auf empörende Weise weiter verschlingt, ganz besonders in unserer hochberühmten deutschen Nation.

Luther stellt klar, dass sich der zweite Teil seiner Schriften gegen das Papstum und die Missstände innerhalb der deutschen Kirche richtet. Die Legitimität seiner Kritik könne, so Luther selbstbewusst, niemand leugnen oder übersehen. Denn jedermann mache diese Erfahrung und die allgemeine Unzufriedenheit unter den Gläubigen an der Basis belege dies ebenfalls.

Luther spricht hier im Namen der einfachen Gläubigen, ohne von diesen in besonderer Weise dafür legitimiert worden zu sein. Er präsentiert sich unverholen als Anwalt des Volkes. Der Ämtermissbrauch der Geistlichen beschwere und quäle die Gewissen der Gläubigen. Luther verschafft seiner Haltung Geltung und Kraft, indem er suggeriert, er habe die Basis der Gläubigen auf seiner Seite. Das stärkt ihn in seiner scheinbaren Einzelkämpfer-Position und bringt ihn aus der defensiven Verteidigungssituation in die Offensive. Im Namen des Publikums zu sprechen ist bis in unsere Tage eine rhetorische Strategie, um zum Beispiel mit Störungen bei einem Vortrag umzugehen.

Den Gegner mit den eigenen Waffen schlagen …

Und doch sehen sie in ihren Dekreten selbst vor, wie Distinctio 9 und 25, quaestio 1 und 9, zu lesen steht: Päpstliche Gesetze, die der Lehre des Evangeliums und den Sätzen des Evangeliums und den Sätzen der Kirchenväter widersprächen, seien für irrig und ungültig anzusehen. Wollte ich also diese Bücher widerrufen, so würde ich die Tyrannei damit geradezu kräftigen und stützen, ich würde dieser Gottlosigkeit für ihr Zerstörungswerk nicht mehr ein kleines Fenster, sondern Tür und Tor auftun, weiter und bequemer, als sie es bisher je vermocht hat. So würde mein Widerruf ihrer grenzenlosen, schamlosen Bosheit zugute kommen, und ihre Herrschaft würde das arme Volk noch unerträglicher bedrücken, und nun erst recht gesichert und gegründet sein, und das um so mehr, als man prahlen wird, ich hätte das auf Wunsch Eurer allergnädigsten Majestät getan und des ganzen Römischen Reiches. Guter Gott, wie würde ich da aller Bosheit und Tyrannei zur Deckung dienen!

Weiterhin beruft sich Luther auf das Kirchenrecht seiner Zeit, wonach es rechtmäßig sei, päpstliche Lehren für ungültig zu erklären, die dem Evangelium und den Sätzen der Kirchenväter widersprechen. Mit der kirchenrechtliche Fundierung seiner Position schlägt Luther seine Widersache mit deren eigenen Waffen. Luther brilliert hier mit Sachkenntnis und Detailwissen in kirchenrechtlichen Fragen.

Im Folgenden bezieht sich Luther erneut auf das „arme Volk“, dessen Leiden er verlängere, wenn er seine Thesen widerrufen würde. Ein Widerruf Luthers vor dem Kaiser des Reiches würde darüber hinaus für die Kirchenvertreter einen zusätzlichen Triumpf darstellen, weil es den Machtanspruch der Kirche gegenüber der staatlichen Obrigkeit unterstreichen würde.

Luther beendet diesen Abschnitt seiner Rede mit einem emphatischen Ausruf an Gott – ganz sicher auch um die geistliche Aufrichtigkeit seines Anliegens zu unterstreichen.

Luther: Mann Gottes, Mann des Volkes

Die dritte Gruppe sind die Bücher, die ich gegen einige sozusagen für sich stehende Einzelpersonen geschrieben habe, die den Versuch machten, die römische Tyrannei zu schützen und das Christentum, wie ich es lehre, zu erschüttern. Ich bekenne, daß ich gegen diese Leute heftiger vorgegangen bin, als in Sachen des Glaubens und bei meinem Stande schicklich war. Denn ich mache mich nicht zu einem Heiligen und trete hier nicht für meinen Lebenswandel ein, sondern für die Lehre Christi. Trotzdem wäre mein Widerruf auch für diese Bücher nicht statthaft; denn er würde wieder die Folge haben, daß sich die gottlose Tyrannei auf mich berufen könnte und das Volk so grausamer beherrschen und mißhandeln würde denn je zuvor.

Die dritte Gruppe von Luthers Schriften richteten sich gegen Einzelpersonen, die kirchlichen Amtsmissbrauch verteidigen und unterstützen würden. Luther räumt ein, gegen diese Menschen mit harter Sprache und hartem Urteil vorgegangen zu sein. Er bekennt, dies sei nicht schlicklich gewesen. Diese zunächst demütig klingende Einsicht löst sich jedoch bald in Luft auf. Denn Luther wechselt im folgenden die Argumentationsebene. Luther weist darauf hin, dass es vor dem Reichtstag nicht um Ehre oder Fehlverhalten seiner Person gehe, sondern um die Wahrheit der Lehre Jesu Christi.

Martin Luther vor Karl V. auf dem Reichstag zu Worms im Jahr 1521. Das Bild zeigt ein Wandgemälde über das Geschehen von Hermann Wislicenus (1825–1899) in der Kaiserpfalz Goslar. Das Bild kann als ein Relikt des nationalen Luther-Mythos im 19. Jahrhundert angesehen werden. (Bildquelle: James Steakley für Wikimedia Commons)

Nochmals verweist Luther darauf, welche Folgen ein Widerruf für das einfache Volk hätte. Luther – so wird deutlich – handelt aus zwei Motiven: Erstens fühlt er sich in seinem Gewissen der Wahrheit Gottes verpflichtet, zweitens will er das Volk vor weiterer Grausamkeit und Leiden durch kirchliche Missstände bewahren. Luther präsentiert sich als Mann des Volkes und Mann Gottes gleichermaßen. Als Christenmensch ringt er um den weiteren Weg seiner Kirche.

Die Kraft der Vergleiche

Aber ich bin ein Mensch und nicht Gott. So kann ich meinen Schriften auch nicht anders beistehen, als wie mein Herr Christus selbst seiner Lehre beigestanden hat. Als ihn Hannas nach seiner Lehre fragte und der Diener ihm einen Backenstreich gegeben hatte, sprach er: «Habe ich übel geredet, so beweise, daß es böse gewesen sei.» Der Herr selbst, der doch wußte, daß er nicht irren könnte, hat also nicht verschmäht, einen Beweis wider seine Lehre anzuhören, dazu noch von einem elenden Knecht. Wieviel mehr muß ich erbärmlicher Mensch, der nur irren kann, da bereit sein, jedes Zeugnis wider meine Lehre, das sich vorbringen läßt, zu erbitten und zu erwarten. Darum bitte ich um der göttlichen Barmherzigkeit willen, Eure allergnädigste Majestät, durchlauchtigste fürstliche Gnaden oder wer es sonst vermag, er sei höchsten oder niedersten Standes, möchte mir Beweise vorlegen, mich des Irrtums überführen und mich durch das Zeugnis der prophetischen oder evangelischen Schriften überwinden. Ich werde völlig bereit sein, jeden Irrtum, den man mir nachweisen wird, zu widerrufen, ja, werde der erste sein, der meine Schriften ins Feuer wirft.

Luther beruft sich vor dem Reichstag auf das Beispiel Jesu in Joh. 18, 23, der es zugelassen hatte, dass seine eigene Lehre hinterfragt wurde, obwohl Jesus selbst von sich wusste, dass er nicht irrte. Luther setzt die Kraft dieses biblischen Vergleiches bewusst dazu ein, um der Forderung, Beweise gegen seine Lehren vorzubringen, Nachdruck zu verleihen. Er selbst – so sagt er-  wäre dann als Erster bereit, jeden Irrtum zu widerrufen und seine Schriften ins Feuer zu werfen.

Natürlich muss Luther klar gewesen sein, dass es vor dem Reichstag nicht darum ging, Argumente über theologische Fragen auszutauschen. Letzlich sollte es nur um die Diskretidierung seiner Person gehen. Luther nutzt dennoch das Podium des Reichstages geschickt, um sein Anliegen vor der politischen Öffentlichkeit seiner Zeit zu kommunizieren. Der wörtliche Bezug auf die Bibel unterstreicht dabei auch den theologischen Bildungshorizont, den Luther als Bibel-Professor in die Waagschale werfen konnte. Offenbar wusste er, welche Wirkung (biblische) Vergleiche in Redesituationen haben können. Auch das gilt – bis heute!

Drastische Bilder einsetzen

Es wird hiernach klar sein, daß ich die Nöte und Gefahren, die Unruhe und Zwietracht, die sich um meiner Lehre willen in aller Welt erhoben haben, und die man mir gestern hier mit Ernst und Nachdruck vorgehalten hat, sorgsam genug bedacht und erwogen habe. Für mich ist es ein denkbar erfreulicher Anblick, zu sehen, wie um Gottes Wort Unruhe und Zwietracht entsteht. Denn das ist der Lauf, Weg und Erfolg, den Gottes Wort zu nehmen pflegt, wie Christus spricht: «Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert; denn ich bin gekommen, den Menschen zu erregen wider seinen Vater usw.» Darum müssen wir bedenken, wie Gott wunderbar und schrecklich ist in seinen Ratschlüssen, daß nicht am Ende das, was wir ins Werk setzen, um der Unruhe zu steuern, damit anfängt, daß wir Gottes Wort verdammen, und so viel mehr einer neuen Sintflut ganz unerträgliche Leiden zustrebt.

Martin Luther verbrennt 1520 in Wittenberg die Bannandrohungsbulle. Das päpstliche Dokument kündigte ihm an, dass er aus der Kirche ausgeschlossen werden sollte. Das Bild stammt vom deutschen Porträtmaler Paul Thumann (1834-1908) und entstand als Ölbild auf Leinwand. (Bildquelle: Wartburg-Stiftung und Wikimedia Commons)

Luther unterstreicht, dass aus der differenzierten Analyse des Gesagten hervorgeht, er habe mit Sorgsamkeit seine Kirchenkritik geäußert und erwogen. Von der Kritik an ihm bleibt nichts übrig, er hat die Argumente seiner Gegner hinweggefegt. Nun nutzt er noch einmal die Chance, in die Offensive zu gehen. Hierfür bediehnt er sich erneut seiner christlich-theologischen Expertise. Es freue ihn, wie um Gottes Wort Unruhe und Zwietracht entstehe. Dies sei genau das, was Jesus auch schon gepredigt habe. Luther warnt vor einer neuen „Sinnflut“ und spielt damit auf die biblische Urzeitgeschichte (Vgl. 1. Mose 6-8) an, wobei alle Menschen aufgrund ihrer Sünde gegen Gott vernichtet worden sind. Nur die Familie Noahs wurde in der Arche gerettet.

Mit der Sinnflut-Metapher will Luther ausdrücken: Wer der göttliche Wahrheit im Worte Gottes nicht bereit ist zu vertrauen, steuere am Ende unerträglichen Leiden entgegen. Das drastische Bild der Sinnflut, welches als Anspielung auf das Gericht Gottes zu deuten ist, spitzt er im nächsten Abschnitt nun auf den Hauptadressaten seiner Rede zu.

Den Haupt-Adressaten direkt ansprechen

Wir müssen sagen, daß die Regierung unseres jungen, vortrefflichen Kaisers Karl, auf dem nächst Gott die meisten Hoffnungen ruhen, nicht eine unselige, verhängnisvolle Wendung nehme. Ich könnte es hier mit vielen Beispielen aus der Schrift vom Pharao, vom König Babylons und den Königen Israels veranschaulichen, wie sich gerade dann am sichersten zugrunde richteten, wenn sie mit besonders klugen Plänen darauf ausgingen, Ruhe und Ordnung in ihren Reichen zu behaupten. Denn er, Gott, fängt die Schlauen in ihrer Schlauheit und kehret die Berge um, ehe sie es inne waren. Darum ist’s die Furcht Gottes, deren wir bedürfen. Ich sage das nicht in der Meinung, so hohe Häupter hätten meine Belehrung oder Ermahnung nötig, sondern weil ich meinem lieben Deutschland den Dienst nicht versagen wollte, den ich ihm schuldig bin. Hiermit will ich mich Euer allergnädigsten kaiserlichen Majestät und fürstlichen Gnaden demütig befohlen und gebeten haben, sie wollten sich von meinen eifrigen Widersachern nicht ohne Grund gegen mich einnehmen lassen. Ich bin zu Ende …

Der junge Kaiser Karl V. um 1520 in einer Gemälde-Darstellung von Bernard van Orley. Bei der Begegnung mit Martin Luther ist der Kaiser erst 21 Jahre alt. (Bildquelle: Wikimedia Commons)

Luther spricht Kaiser Karl V. direkt an. Er erkennt seine Autorität an. Auf Karl V. liegen die Hoffnungen der Menschen. Aber Luther warnt ihn davor, seinen Widersachern ohne Grund Recht zu geben und ihn zu verurteilen. Er verbindet seine Warnungen mit dem Verweis auf negative Beispiele aus der Bibel, die veranschaulichen sollen, wie sich Herrscher selbst zu Grunde richten, wenn sie sich allein selbst für klug halten. Luther will diese Aussagen nicht als Anmaßung verstanden wissen, sondern weil er seinem „lieben Deutschland“ den Dienst nicht versagen wolle, dem er ihm schuldig sei. Die direkte Ansprache an den Kaisers zeugt vom Selbstbewusstein und Mut Luthers.

An Kaiser und Fürsten gerichtet folgen noch wenige demütige Worte, man möge sich von seinen Widersachern nicht blind beeinflussen lassen. Schließlich kommt Luther zum Höhepunkt seiner Ansprache.

Die klare Antwort

Weil denn Eure allergnädigste Majestät und fürstlichen Gnaden eine einfache Antwort verlangen, will ich sie ohne Spitzfindigkeiten und unverfänglich erteilen, nämlich so: Wenn ich nicht mit Zeugnissen der Schrift oder mit offenbaren Vernunftgründen besiegt werde, so bleibe ich von den Schriftstellen besiegt, die ich angeführt habe, und mein Gewissen bleibt gefangen in Gottes Wort. Denn ich glaube weder dem Papst noch den Konzilien allein, weil es offenkundig ist, daß sie öfters geirrt und sich selbst widersprochen haben. Widerrufen kann und will ich nichts, weil es weder sicher noch geraten ist, etwas gegen sein Gewissen zu tun.

In kurzen, einfachen Worten formuliert Luther sein Schlussplädoyer. Wieder kündigt er an, was als nächstes kommt – wohl auch, um den Anforderungen an seine Ansprache nachzukommen. Luther will nichts widerrufen, eher er nicht durch Bibel- oder Vernunftgründe wiederlegt wird. Er beruft sich auf sein Gewissen, dass im Wort Gottes gefangen sei und verweist nochmals darauf, dass Papst und Konzilien oftmals geirrt und sich sogar wiedersprochen hätten. So widerholt Luther am Ende seine Kernbotschaft, die er schon zu Beginn der Rede ausgedrückt hatte: „Hier stehe ich – und kann nicht anders!“

Gott helfe mir, Amen.

Luther endet mit der religiösen Formel „Gott helfe mir, Amen.“ Hieran wird deutlich, dass sich Luther ganz bewusst in seinem Reden und Handeln in Gott abgesichert weiß – unabhängig davon, wie das Urteil anderer über ihn ausfällt. Das Wort „Amen“ bedeutet so viel wie „So sei es!“ und kann als abschließende Bekräftigung seines Redebeitrages gelesen werden.

Fazit?!

Martin Luthers Verteidigungsrede ist durch und durch rhetorisch. Allerdings wird hier nicht behauptet, Luther habe die identifizierten Tricks und Kniffe bewusst angewandt. Sehr wohl muss sich Luther sowohl der Wirkung als auch der Bedeutung seiner Worte bewusst gewesen sein. Die Rede besticht durch eine klare Struktur und lebt von lebendigen, griffigen und bildhaften Formulierungen. Die Kernbotschaft ist einfach und wurde verständlich kommuniziert. An mancher Stelle brilliert Luther mit Detailkenntnis und Fachexpetise. Ihm gelingt mit dieser Rede ein selbstbewusster, überzeugender und inhaltsstarker Auftritt. Luther hat mit dieser Rede Kaiser und Fürsten die Stirn geboten. Er hat viel gewagt. Seine Verteidigungsrede ist eine mutige Rede.

  1. Stolt, Birgit, Martin Luthers Rhetorik des Herzens, Tübingen 2000,  S. 42f..
  2. Der hier verwendete Text von Luthers Verteidungsrede ist folgender Quelle entnommen: Martin Luther. Verteidigungsrede auf dem Reichstag zu Worms (18. April 1521), http://gutenberg.spiegel.de/buch/martin-luther-sonstige-texte-270/5 (Stand: 18.05.2017).