Rhetorik-Zeitreise (8): Vier Gründe für Rhetorik

Rhetorik und wozu das Ganze? Aristoteles gibt in seinem Lehrwerk „Rhetorik“ vier Gründe, warum  Rhetorik unvermeidlich ist.1

Büste von Aristoteles. Marmor. Römische Kopie nach dem griechischen Bronze-Original von Lysippos, um 330 vor Chr. Der Alabaster-Mantel ist eine Ergänzung in der Moderne.

Marmor-Büste des Aristoteles. Aristoteles ist der Erste der eine eigenständige Theorie der Rhetorik entwickelt. (Bildquelle: Wikimedia Commons)

1. Mangel an Wahrheit

Rhetorik gibt es nur dort, wo es an Evidenz fehlt. Denn wo alles klar ist, erübrigt sich das Reden und das Überreden. Aristoteles geht davon aus, dass Wahrheit und Gerechtigkeit stets stärker als ihr Gegenteil sind.2 Wenn in einer dialektischen Frage die Wahrheit am Ende nicht zum Zug kommt, dann ist die Wahrheit schlecht oder gar nicht rhetorisch vertreten worden. Nach Josef Kopperschmidt ist damit die Rhetorik aber nicht ein Instrument, um Wahres und Gerechtes zustimmungsfähig zu machen, sondern sie setze die Überzeugungskraft, die das Wahre/Gerechte als immanente Eigenschaft/Qualität prinzipiell immer schon besitzt, systematisch frei „und (kann) so dem Wahren/Gerechten auch faktisch zu seiner überzeugungsbedingten Zustimmungsfähigkeit verhelfen.“3

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Rhetorik braucht es, um ein heterogenes Publikums mit unterschiedlichen fachlichen Voraussetzung von bestimmten Standpunkten zu überzeugen. (Bildquelle: Pixabay)

2. Mangel an fachkundigem Publikum

Aristoteles zufolge braucht es Rhetorik, um Menschen von einem bestimmten Standpunkt zu überzeugen, die nur geringe oder keine wissenschaftlichen Fachkenntnisse mitbringen. Rhetorik ist demnach gegenüber einem bestimmten Publikum  angebracht, weil nicht alle in gleicher Weise der Belehrung fähig sind.

Es ist „bestimmten Leuten gegenüber nicht leicht, selbst wenn wir das genaueste Wissen besäßen, davon durch Rede zu überzeugen; denn der wissenschaftliche Diskurs ist Sache der Belehrung.“4

In einer Anmerkung zur ursprünglichen Fassung dieses Beitrages, hebt Thomas Schirren hervor, dass Aristoteles bei diesem Argument bereits die Topik, das Modell seiner Argumentationstheorie, im Blick hat. Die Topik verfolge das Ziel, ein Publikum zu überzeugen kann, welches keine wissenschaftlichen (Vor)Kenntnisse mitbringt.5

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Den Durchblick haben. Nur wer etwas von Rhetorik versteht, kann Rhetorik durschauen und widersteht der Macht der Manipulation durch Rhetorik. (Bildquelle: Pixabay)

3. Rhetorik durchschauen

Drittens ist für Aristoteles Rhetorik unvermeidlich, um rhetorische Tricks und Kniffe sowie den Missbrauch rhetorischer Mittel zu durchschauen:

„… damit es uns nicht entgeht, wie es sich verhält, und damit wir selbst entkräften können, wenn ein anderer die Unterredung in unrechter Weise gebraucht.“6

Nach Aristoteles muss jeder Redner in der Lage sein, auch eine gegenteilige Ansicht überzeugend darzulegen, weil es in allen dialektischen Fragen ein Für und Wider gibt.7 Schirren veranschaulicht dies in seinen Anmerkungen am Beispiel der Heilkunst:

„Während etwa die Heilkunst die Gesundheit herstellen soll, aber nicht Krankheit produzieren kann (jedenfalls nicht, insoweit sie Heilkunst ist), sind Dialektik und Rhetorik in der Lage, jeweils pro und contra plausibel zu machen, aber nur damit sie den Gegnern auf die Schliche kommen.“8

Aristoteles ist hier weit von der sophistischen Rhetoriklehre entfernt. Der Redner soll also nicht selbst beginnen, Partei für die gegenteilige Position zu ergreifen. Er soll aber die Positionen seines Gegners inhaltlich durchdringen, um dessen Argumente entkräften zu können.

Diskussion

In Diskussionen ist es wichtig, die Argumente der Gegenseite zu verstehen. Denn bei jedem dialektischen Thema gibt es ein Pro und Contra. Ein guter Redner durchschaut die Argumentionschwächen seines Gegners, noch bevor dieser zu reden begonnen hat. (Bildquelle: Pixabay)

4. Rhetorik als Selbsthilfe-Programm

Viertens ist Rhetorik für Aristoteles unvermeidlich, um sich selbst zu helfen. Aristoteles wertet den Geist und damit die vernünftige Rede (logos) höher als den Körper, wenn er festhält:

„Zudem wäre es doch sonderbar, wenn es für den Körper schimpflich wäre, sich selbst nicht helfen zu können, für die Rede aber nicht; diese ist für den Menschen doch charakteristischer als der Gebrauch seines Körpers.“9

Schirren stellt heraus, dass Aristoteles damit implizit auf Sokrates anspielt, der sich vor Gericht nicht helfen konnte und so der Wahrheit nicht zum Sieg verhalf. Für Aristoteles ist es danach sinnvoll, den eignen Geist rhetorisch zu trainieren, um sich gegen kommunikative Widerstände durchzusetzen.10

Ein fünftes Argument?

Schirren bemerkt in seinem Beitrag, Aristoteles verweise (1355bff.) noch auf ein fünftes Argument, um die Bedeutung der Rhetorik hervorzuheben. Es sei auch ein Argument für die Rhetorik, dass Reichtum, Stärke und Strategenkunst missbraucht werden können.11 In der benannten Stelle sehe ich keine Anhaltspunkte um ein weiteres Argument für die Rhetorik auszumachen. Aristoteles verweist lediglich drauf, dass der Missbrauch der Rhetorik in seiner Wirkung mit der missbräuchlichen Verwendung von Stärke, Reichtum und Feldherrenkunst vergleichbar ist. Denn durch den richtigen Gebrauch der Rhetorik erreiche der Redner den höchsten  Nutzen, durch unrechten Gebrauch richte er aber den größten Schaden an.12 – Die Argumente liegen auf dem Tisch. Möge der Leser entscheiden!


 

  1. Dieser Beitrag wurde auf Anregungen von Prof. Dr. Thomas Schirren (Salzburg) überarbeitet. Für seine Anregungen zu meinem Blog-Beitrag danke ich sehr!
  2. Vgl. Aristoteles, Rhetorik, München 1995, S. 10.
  3. Kopperschmidt, Josef: „Heideggers Umweg in Platons Höhle“, in: Kopperschmidt, Josef (Hrsg.), Heidegger über Rhetorik, München: Wilhelm Fink 2009, S.390f. i.V.m. Gil, Alberto, Zur Ethik der politischen Rhetorik, S. 42, Online (Stand: 25.05.16)
  4. Aristoteles, Rhetorik, S. 10.
  5. Vgl. Schirren, Thomas, Elenchos des Rhetorik-Testers, http://www.rheton.sbg.ac.at/rheton/2016/06/_elenchos-des-testers/ (Stand: 06.07.16).
  6. Aristoteles, Rhetorik, S. 11.
  7. Aristoteles, Rhetorik, S. 10.
  8. Schirren, Thomas, Elenchos des Rhetorik-Testers, http://www.rheton.sbg.ac.at/rheton/2016/06/_elenchos-des-testers/ (Stand: 06.07.16).
  9. Aristoteles, Rhetorik, S. 11.
  10. Vgl. Schirren, Thomas, Elenchos des Rhetorik-Testers, http://www.rheton.sbg.ac.at/rheton/2016/06/_elenchos-des-testers/ (Stand: 06.07.16).
  11. Vgl. Schirren, Thomas, Elenchos des Rhetorik-Testers, http://www.rheton.sbg.ac.at/rheton/2016/06/_elenchos-des-testers/ (Stand: 06.07.16).
  12. Aristoteles, Rhetorik, S. 11.